Die Dreigroschenoper

von

Bert Brecht/ Kurt Weill

 

Ab mit Macki in den Adelsstand!

oder Die gerechte Strafe für Ganoven...

 

 

  Maxim Gorki Theater

Regie: Johanna Schall

Musikalische Leitung: Ari Benjamin Meyers;

Bühne: Horst Vogelsang;

Kostüme Jenny Schall,

Dramaturgie: Annette Reber

mit Pierre Besson, Jörg Schüttauf, Jacqueline Macaulay, Maria Simon, Norman Schenk, Anna Kubin, Ursula Werner, Andreas Euler, Richard Barenberg, Christian Mark, Eckhard Strehle, Silvio Hildebrandt, Horst Fischer, Dietmar Obst, Sabine Kasten, Katharina Kummer, Lieko Schulze,Nelly Thalbach / Kimerbely Holub (die kleine Polly)

 

Kurzbeschreibung

Die Story mag den meisten hinreichend bekannt sein; doch sollte bedacht werden, dass es immer wieder eine   heranwachsende Generation gibt, die  die Schauspiele von B.B. aus dem "effeff" kennt, und dass vor der Verfremdung die Realität sichtbar gemacht werden muss, will man die Möglichkeit vermitteln, das eine mit dem anderen vergleichen zu können . Das beste Negativbeispiel dafür ist die ausgezeichnete Inszenierung der "Emilia Galotti" am Deutschen Theater. Hier wird jedoch weitgehend auf den Text von Lessing verzichtet - also nur etwas für Kenner der Originalfassung!

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Wer das größte Erfolgsstück von Bert Brecht und Kurt Weill sehen, wer ein schillerndes Verbrecher-Milieu aus liebevoll-spöttischer Distanz erleben und einen opulenten Sinnesrausch und Augenschmaus genießen möchte, der sehe sich unbedingt Johanna Schalls betörende Inszenierung der guten alten (!) Dreigroschenoper" an. Es ist an nichts gespart worden, glücklicherweise. Hier stimmen Bühnenbild (Hochzeitsscheune mit variablen Stellwänden) und Kostüme, in dezenten Erdfarben und aufwändig im Bohème-Chic der 20er Jahre geschneidert, sowie die   gruselig-geisterhafte Maske und die fratzenhaft-furchtbare und gleichsam komödiantische Mimik a la Dr. Mabuse allesamt blendend überein. Die Schauspieler spielen und singen sich die Seele aus dem Leib, schlagen kräftig mit Tellern und Möbeln um sich, so dass die Hochzeit alles andere als romantisch wird. Die beiden „Gattinnen" Polly und Lucy (Maria Simon und Anna Kubin) des umwerfenden Macheath (Pierre Besson) singen, keifen und gehen einander überzeugend an die Gurgel – es ist geradezu eine Wonne. Und wenn Celia Peachum (Jacqueline Macaulay), die habgierige, alkoholsüchtige Gattin des Ausbeuters und Bibelkenners Jonathan Jeremias Peachum (Jörg Schüttauf), bei jedem Auftritt hinreißend umfällt, dann beherrscht sie jedes Mal die Szene mit cooler Noblesse. Vielleicht ist Norman Schenk, Polizeichef und Kriegsfreund Mackie Messer`s, als Karikatur preußischer Obrigkeit ein wenig zu grotesk, wenn auch der bestechliche und stets zum Deal bereite oberste Hüter von Ruhe und Ordnung es durchaus verdient, lächerlich gemacht zu werden. Umwerfend geradezu ist beider Nostalgiesong „ Soldaten wohnen auf den Kanonen...", wie überhaupt dank der herzhaft aufspielenden Dreigroschenband alle Lied-Szenen  überaus schmissig choreografiert  wurden und sich dabei überraschendes Stimmpotential der Schauspielern offenbart.

Deshalb noch einmal kurz zu Inhalt und Intention der Dreigroschenoper, deren stoffliche Vorlage "The Beggar´s Opera" von 1728! war, eine scharfe Opernparodie des englischen Dramatikers John Gay. Brecht übernahm weitgehend den Urtext – und außerdem Verse von Francois Villon  für seine Fassung; doch erst die raffiniert-gefällige Vertonung von Kurt Weill machte das treffsicher ausgeleuchtete Ganovenmilieu zum schockierenden Abbild einer durch und durch korrupten und verdorbenen bürgerlichen Gesellschaft. Mehr als ein Jahr lang wurde die Dreigroschenoper 1929 im Theater am Schiffbauerdamm unter der damaligen Direktion ( und im Auftrag) von Ernst Josef Aufricht gespielt – trotz kritischer „Fachpresse" ein sensationeller Publikumserfolg und ein dringend benötigter Kassenschlager für das stets unter Geldmangel leidende Theater. Die Brisanz des zeitgeschichtlichen Hintergrunds, den das Stück ebenso kritisch wie vergnüglich vermittelte, ist heute allerdings einem nostalgischen Reiz gewichen. Auch nähme man heute wohl eher das Musical als volkstümliche Zeitoper zur Hilfe, wenn man ähnliche Themen mit der leichten Muse darstellen wollte.

So ist denn die Geschichte des berüchtigten Straßenräubers Mackie Messer, der in einer Nacht- und Nebelaktion die sorgsam behütete Polly, Tochter des Jonathan Peachum, Chef der Firma „Bettlers Freunde", nach einer Pseudo-Eheschließung verführt und darob unerbittlich von dem aufgebrachten Vater verfolgt und an den Galgen gebracht wird, fast schon ein Schmankerl aus alten Zeiten. Dieser Macheath ist ein Teufelskerl, und seine Ganovenbrüder sind von ebensolchem Format; die Mädchen seines bevorzugten Etablissements zeigen sich ausnehmend reizvoll und absolut unzuverlässig; der Polizeichef rauft sich gegen die Erpressung Peachum`s nur ohnmächtig die geschniegelten Haare; jeder betrügt jeden, und dass Mackie letztendlich doch durch ein Wunder (den Gnadenakt der frisch gekrönten Königin) nicht nur vom Galgen gerettet, sondern auch gleich noch in den Adelsstand erhoben wird, krönt diese Story zur köstlichen Satire. Wer mag, kann auch einige reizvolle Parallelen zu ehrenwerten Gesellschaften heutiger Zeit ziehen... A.C.