Das Reich der Tiere

von
Roland Schimmelpfennig

 


Vom Tier zum Toastbrot

 


Deutsches Theater

 Regie: Jürgen Gosch

Bühne und Kostüme: Johannes Schütz
Licht: Franz Peter Davis
Dramaturgie: Oliver Reese
Maske: Andreas Müller

mit:
Ernst Stötzner (Löwe), Falk Rockstock (Zebra); Kathrin Wehlich (Ginsterkatze); Dörte Lyssewski (Antilope); Wolfgang Michael (Marabu); Niklas Kohrt (Regisseur und Autor)

 

 
Ein Gespräch in der Pause zwischen zwei Besuchern

Hallo, wie geht`s?

Hallo, gut, bis jetzt, danke und Dir?

Ebenso. ...Wie findest Du's?

Na, ja, geht so, bisher...

Sag, mal, sind Schauspieler bisweilen etwas simpel?

Nein, glaub ich nicht, eher die Stücke, die sie spielen müssen!

Müssen? Warum denn?

Tja, sonst bekommen sie keine weiteren Rollen mehr, wenn sie sich weigern; es gibt zu viele Schauspieler, und außerdem verlangen die Autoren und Regisseure, dass sie bisweilen so verrückte Sachen machen.

Aber so etwas? Das ist doch kein Theater mehr, eher Slapstick oder Comedy oder so. Und was sollen die Tiere überhaupt?

Na, die symbolisieren doch unsere spleenige Welt, da dreht sich eben alles um Macht und und ums Überleben, wie bei den Menschen...

Und warum dieser Matsch auf der Bühne?

Sie wollen eben mal zeigen, wie das ist, wenn man sich von oben bis unten mit Farbe eincremt und sich sozusagen mit Körper und Psyche dann wirklich beinahe fast in ein Tier verwandelt - wie die geschmeidige, listige Tigerkatze und der machthungrige, prollige Löwe und der angeblich weise, aber in Wahrheit doch nur tölpelige Marabu und das kraftvolle, selbstbewußte Zebra und die naive Gazelle!

Die Gazelle ist eine Antilope und muss sich nicht ausziehen. Also, es geht doch auch anders oder?

Aber die Nackten sind besser, und außerdem sieht man bald schon gar nicht mehr auf das Geschlecht, sondern ist schon von ihrem Spiel fasziniert.

Aber was sagen sie denn? Nur Banalitäten!

Ja, aber die sind doch merkwürdig oder? Wenn da plötzlich Tiere über Sandwich und Ketchupflasche und Spiegelei reden? Da wird es doch irgendwie seltsam - menschlich oder?

Ja, schon, aber was soll denn das? Bisher kamen  mir das alles ziemlich einfältig vor, eher wie Kindertheater, und die Texte waren nicht besonders spannend. Einer im Publikum hat das sogar laut in den Raum gerufen!.

Aber viele Leute amüsieren sich, das muss doch einen Grund haben?

Ich find's nicht witzig, na, bis auf einige Ausnahmen. Außerdem, was soll denn jetzt noch kommen? Die Story ist doch eigentlich zu Ende, der Löwe ist - ausgerechnet vom Zebra! - vor Krokodil und Waldbrand gerettet, hat die Macht mit leeren Versprechungen an sich gebracht und ist doch nicht glücklich, weil er sich vom entthronten Zebra verfolgt fühlt. Und nun ist er beinahe irre, wie Macbeth...

Wart's ab; der Gosch hat sicher noch was in der Hinterhand, um beim Tierischen zu bleiben...

Nach der Pause:

Eine Farce, aus der nun endgültig Ernst wird, wenn es auch weiterhin für viele Zuschauer komisch bleibt: Die Schauspielertruppe, die sich seit sechs Jahren allabendlich in dieses komische Tierensemble verwandelt hat, ist entlassen, weil ein anderer Betreiber das Theater übernommen hat. Der Zebramann  begegnet zufällig dem skurril-nervösen Autor der neuen Show, die ihnen allen eine Rolle im "Garten der Dinge" anbietet, aber siehe oben: Es schließt sich der Kreis: die Persönlichkeit der Tierimitatoren wird auf wandelnde Werbesports reduziert: Ketchup-Flasche, Spiegelei, Toast und Pfeffermühle. Doch das Zebra entwischt diesem grässlichen Schicksal, jedenfalls halbwegs; denn nun ist dieser Darsteller beim Fernsehen gelandet, zwar nur in der Werbung, aber dafür gut bezahlt. Und die anderen? Können sich zwar nun nicht mehr gegenseitig anfeinden und  stressen, denn ihre Körper und Gesichter sind nun ganzheitlich hinter Pappattrappen verborgen; nur ihre Arme und Hände sind noch frei, die sich suchend am Ende miteinander verbinden. Ob sie jetzt ein Fremder erkennt, ist ebenso fraglich wie zuvor; da klagten sie schon, dass sie niemand als Personen jemals wahrgenommen, geschweige denn wieder erkannt hatte. Sie waren und bleiben nur mehr das, was sie in ihren Rollen dargestellt hatten. Ihr nur angedeutetes persönliches (trauriges) Schicksal werden sie weiterhin allein tragen und bewältigen müssen.

Das sind insgesamt zu viele Themen, zu viele Möglichkeiten, die sich mangels Qualität inhaltlich und szenisch nicht ausspielen und ausschöpfen lassen.

Man kann den Abend nicht ohne Weiteres zu den Akten legen, aber er wird nicht zu den Favoriten der neuen Theatersaison gehören. A.C.