Der Fall Janke

von
Adriana Altaras und Dirk Olaf Hanke

 

 

Die Tragik der DDR Psychiatrie

 

 

Hans Otto Theater Potsdam

Regie: Adriana Altaras, Michael Erler; Bühne: Christoph Schubiger; Kostüme: Jessica Karge; Musik: Wolfgang Böhmer; Dramaturgie: Dirk Olaf Hanke

Mit: Christian Klischat, Nicoline Schubert, Friederike Walke, Andreas Herrmann, Moritz Führmann, Joachim Schönitz, Helmut G. Fritzsch

 

 
An einem kargen Tisch erzählt ein verhärmter Mann mittleren Alters  die Tragik und das Leid seines Lebens, allerdings in der schizophrenen Verwirrung der eigenen Erinnerungen.

Die Realität:  Karl Hans (Joachim) Janke geboren in 1909 in Kolberg als einziges Kind seiner Eltern, besucht das Gymnasium bis zum Abitur und studiert in Greifwald einige Semester Medizin. Im Krieg leidet er plötzlich (nach einer Verletzung?) an einem  Nervenleiden und wird ausgemustert. 1945 flüchtet er mit seiner inzwischen verwitweten Mutter nach Großenhain in Sachsen. 1938 stirbt die Mutter, und Janke wird verwahrlost und unterernährt aufgegriffen und erhält für einen blödsinnigen Aushang in seinem Aushang für Spielzeug eine kurze Haftstrafe. 1949 wird er in die Nervenklinik Arnsdorf eingewiesen, wo er als "chronisch paranoid schizophren " eingeordnet wird und bis zu seinem Lebensende 1988 in Verwahrung bleibt.

Er zeichnet in fast 40 Jahren mehr als 2500 Detailskizzen technischer Modelle von Flugmobilen, futuristischen Raumschiffen und Alltagserfindungen. Im Jahr 2001 konzipiert der Leiter der Documenta IX, Jan Hoet, eine Ausstellung mit den Werken Jankes im belgischen Geel. Zwei Jahre später erinnert man sich auch in Berlin des skurrilen Künstlers und Erfinders und zeigt seine Arbeiten im Künstlerhaus Bethanien.

Wie nah Genie und Wahnsinn beieinander liegen, ist durch viele Beispiele bedeutender Künstler und Wissenschaftler der Geschichte belegt. Das Genie zeigte, auch wenn es diesseits der verstörenden Grenze blieb, oft befremdende, egozentrische Eigenarten und Absonderlichkeiten, die es zumeist für die Gesellschaft weitgehend zum Außenseiter stempelte. Lob, Preise, und Anerkennung änderten daran nichts. Vielleicht wäre Janke einer jener Künstler gewesen oder hätte zur anerkannten Avantgarde gehört, wenn er nicht in den Gefängnis- und Anstaltsmauern der DDR festgehalten worden wäre! Denn, wie immer seine Erkrankung sich auch äußerte, wie sehr er auch mit seinen zeitweiligen Wahnvorstellungen seine Umgebung verunsicherte, spätestens seit den 60er Jahren hätte man ihn in den westlichen Ländern mit entsprechenden Medikamenten und therapeutischer Hilfe in ein weitestgehend normales Leben entlassen können! Das ist die wahre Tragik seines Lebens.

Doch das ist leider nicht das Thema dieser spaßigen Idioten-Inszenierung der Berliner Regisseurin Adriana Altaras: Der Mann, den sie schildert, bleibt abseits gestellt und verhält sich auch in der kleinen Gruppe psychisch gestörter Männer und Frauen als Außenseiter, als ein Fremder, der eigentlich nicht hierher und nicht dazugehört. Für Christian Klischat scheint es auch keine Möglichkeit zu geben, sich aus dem anonymen Mausgrau seines Anzugs, seines Alltags, seiner Umgebung herauszuschälen und seine außergewöhnlichen technisch-physikalischen Erkenntnisse und Vorstellungen spannend darzustellen. So bleibt uns seine Person seltsam fern.
Altaras läßt ihre Truppe Irrer in einer kahlen weiträumigen Bühne tanzen, toben, singen, aber vor allem die Rollen der Außenwelt übernehmen. Und man weiß nicht recht und soll es ja auch nicht unterscheiden können, ob hier durch die ver-rückte Wahrnehmung der Insassen der Zustand des Arbeiter- und Bauernstaates gebrandmarkt werden soll, wenn sie beispielsweise Kohle schaufeln, die Angst vor den Russen sie lähmt, sie die Mondlandung der amerikanischen Astronauten wie Kinder nachspielen und den defekten Radiosender mit eigenen, sehr realen Visionen ausfüllen - durfte doch der Vorsprung der US-Raumfahrt offiziell nicht wahrgenommen werden! 
Schauderhaft sind ihre zittrigen Gesänge, traurig ist ihr Karnevalsspiel, grauenvoll ihre Heimatblödelei und entwürdigend peinlich das alltägliche Hygieneritual. Das alles ist sehr langatmig und scheinbar eher zufällig locker neben einander gestellt, mit abgetakelten Schlagertexten aus den 50er Jahren "aufgepeppt", so dass man an den schmalzigen Donauwalzern und Wellen und Textverballhornung klassischer Verdi-Chöre beinahe ebenfalls irre werden möchte.

Die Menschen in der Anstalt werden von einem blitzakkuraten, streng frisierten und leicht genervten Arzt (Andreas Herrmann trotz Beamtenhabitus körperlich recht elastisch) Tag und Nacht bewacht und von einer kleinen gemütvollen Schwester einfühlsam betreut. Beide wurden an diesen Ort strafversetzt! Sie sind vertraut mit den Eigenarten und Ausfällen ihrer Patienten und gestalten ihnen das karge und triste Leben so farbig wie möglich, mit kleinen Feiern und munteren Rollen-Spielchen, die, so schenkt man der Regisseurin Glauben, gang und gäbe sind unter psychisch Kranken! Um den armen Janke nicht so gänzlich abseits stehen zu lassen, übernimmt einer der Patienten die Rolle des Wernher von Braun, der zeitgleich mit Janke lebte und in Peenemünde geboren wurde, und stellt so neben den verkannten Künstler und Erfinder den großen Helden der Raumfahrttechnik, Landsmann sozusagen. Allerdings kann Moritz Führmann trotz all überragenden Einsatzes die Persönlichkeit des Raketenpioniers nicht transparent machen, sie auch nicht in Parenthese zu dem armseligen Janke stellen. Zwischen den Männern liegen trotz räumlicher und eventuell gedanklicher Verbundenheit Welten, und es gibt keinerlei Anflug von Annäherung; nicht einmal Sozialkritik ist hier dramaturgisch hilfreich, vielleicht auch nicht möglich.

In kleinen Szenen, wie der als Janke dem Patentamt seine Arbeiten vorstellen will, aber durch die Ungeduld der Beamten die Nerven verliert, leuchtet seine Tragik annähernd durch. Denn als Begleitung hat man ihm einen gleichfalls kranken Freund aus seiner Gruppe mitgegeben und keine kompetente Hilfe! Auch seine Annäherung an eine Leidensgefährtin wird und muss scheitern, weil diese eines Tages als geheilt entlassen wird und zu ihrer Familie zurückkehrt. Janke, der "draußen" keine Familie hat, bleibt vielleicht allein aus diesem Grunde in der Anstalt. Das wird aber nicht deutlich. Vieles bleibt im Dunkeln. Seine Gefährten sind einfach konstruiert, brav und fügsam, mucken nur auf, wenn sie die Situation emotional nicht mehr bewältigen können. Für Nicoline Schubert als Christine, Friederike Wilke als Schwester Rosel, Joachim Schönitz als Herr Paul und Helmut G. Fritzsch als Herr Klaus bleiben angesichts der einfallslosen Dramaturgie nicht so viele Möglichkeiten, ihre darstellerischen Fähigkeiten zu zeigen. Viele kennen sie glücklicherweise aus anderen Inszenierungen. Darum doch herzlicher Beifall. A.C.