Der Kampf des Jahrhunderts

von
Paul Graham Brown und James Edward Lyons

 


Harte Fäuste und ein sanftes Gemüt

 

 


Tribüne

ein Box-Musical: Max Schmeling gegen Joe Louis

Choreographie: Tim Zimmermann; Ausstattung: Olga Lunow;

mit: Gina Marie Hudson, Lada Kummer, Michael Starkl, Ricky Watson, Jan-Andreas Pabst, Richard McCowen; David Schroeder, William Ludwig, Karolin Horn

Musiker: Paul Graham Brown, Klavier, Keyboard, Max Teich und Max Hacker: Holzblasinstrumente

Am 12. Juni 1930 kämpfte Max Schmeling gegen Jack Sharkey um den vakanten Weltmeister-Titel im Schwergewicht. Nach einem regelwidrigen Tiefschlag seines Gegners in der vierten Runde konnte Schmeling nicht weiterkämpfen, wurde jedoch durch dessen Disqualifikation zum Weltmeister erklärt. Am 3. Juli 1931 verteidigte er seinen Titel durch technischen K.O. in der 15. Runde gegen den US-Amerikaner Young Stribling. Am 21. Juni 1932 kam es in New York zum Rückkampf gegen Sharkey. Dem Amerikaner wurde nach 15 Runden der Sieg nach Punkten und damit der WM-Titel zugesprochen; selbst in den Augen vieler Amerikaner war dies ein Skandalurteil.

 

 

 
Max Schmeling (1905-2005), der talentierte und ehrgeizige Junge aus der Uckermark, war bereits im Berlin der 20er Jahre zum Idol (und Bildhauer-Modell) deutscher Künstler und Intellektueller geworden, die seinen "schnörkellosen", moderner Box-Stil im Geist Geist der "neuen Sachlichkeit" feierten. Seine Ehe mit der tschechischen Schauspielerin Anny Ondra trug zudem zu seiner Prominenz bei. Als Schmeling 1936 mit seinem überraschenden 12-Runden-Sieg über den als unschlagbar geltenden "braunen Bomber" Amerikas, Joe Louis, siegte, wurde er zum Liebling der Nationalsozialisten und fortan zum Sport-Repräsentanten Deutschlands.
Doch zwei Jahre später, nachdem sich nicht nur die Einstellung der weißen Amerikaner gegen ihre schwarzen Mitbürger ansatzweise verbessert hatte, dafür ihr Ressentiments gegen Hitlers kriegstreibendes Deutschland sich wie eine Gewitterwolke aufgetürmt hatte, sollte Schmeling zum Revanchekampf antreten. Der Kampf wurde zum Symbol des Siegs über das Nazi-Regime und zur persönlich schmerzvollsten Niederlage des Weltmeisters im Schwergewicht. In zwei Minuten war Schmeling von seinem Thron gestürzt, und die USA hatten ihren ersten schwarzen Superman.

Dieses überaus professionelle Remake zweier großer Boxereignisse in den 30er Jahren, deren Protagonisten zum Spielball einer unzählige Schicksale überrollenden Weltpolitik wurden, ist natürlich - dem Genre entsprechend - nicht taufrisch; aber es hat neben seinem historischen Charakter Profiqualität und zeigt sowohl in künstlerischer als auch in sportlicher Darbietung eine beachtenswerte Intensität!

Auf der schmalen Bühne der Tribüne hat Anja Hofmann eine mit diffusen Farben die das Häusermeer New York andeutende Kulisse gestellt, aus deren schmalen Seitenschächten die Schauspieler - und es ist ein großes Ensemble, das sich hier die Stichworte zuspielt - in wechselnden Rollen auftauchen. Im Vordergrund wird eine kleine Freifläche, je nach Bedarf, mit einigen Seilen als Ringkampfarena umfunktioniert; ein abgenutzter Spind versteckt die wenigen Utensilien der Boxer. An der Seite, emporgehoben, begleiten die Musiker bravourös das hochgradig pulsierende Lebensgefühl jener Jahre.
Mit Michael Starkl tritt ein Max Schmeling auf die kleine Bühne des traditionsreichen Theaters, der rundum Sympathie, Freundlichkeit, aber auch in geradezu erstaunlichem Maße Selbstbewusstsein gegen seine politischen Widersacher wie Fairness gegenüber dem Gegner im Ring zeigt. Hilflos wirkt er netterweise nur in Liebesdingen, aber da kann die wunderbar ins Outfit jener Glitzer-und Karrierejahre eingepasste Lada Kummer ihrer Anny Ondra schon den rechten Charme verleihen. Seine beiden Manager werden Schmelings Aufstieg und Fall begleiten: Da war der strenge, gewissenhafte und doch ein wenig unflexible Arthur Bülow, hier von Jan-Andreas Kemna überzeugend auch in der Figur des nazitreuen Reporters dargestellt,  sowie der beharrliche Joe Jacobs, der mit allen Wassern und Tricks gewaschen ist. Für den eleganten Daniel Papst eine gute Rolle, um die ebenso beharrliche wie flexible Mentalität des amerikanischen Businessman mit lässiger Eleganz vorzuführen. Ricky Watson spielt den Boxchampion Joe Louis mit Herz und Verstand und zeigt zugleich, wie hilflos und abhängig - vielleicht auch heute noch - die Stars des Sports von ihren durchsetzungsstarken Trainern und Betreuern sind. Hier wütet und wuchtet sich temperamentvoll Richard McCowen als Joes Manager Jack Blackburn durch alle Widerstände und zeigt, wie man aus einem Rohling einen Edelstein macht. Diese beiden farbigen Schauspieler verleihen dem Spiel nicht nur ein authentisches Flair, sondern auch ein höchst markantes spielerisches Niveau!

Für Gina Marie Hudson, die, wie alle in diesem Team, ihre Ausbildung für Gesang, Schauspiel und Tanz für Musical und Operette absolvierte, zeigt in verschiedenen Rollen, unter anderem auch als Ehefrau von Joe Louis, erfreulichen Witz, während David Schroeder als komischer türkischer Boxheld Sabri Mahir zwar glücklos gegen Schmeling bleibt, doch hier mit seiner wunderschönen Stimme gewinnt. William Ludwig führt als Chronist souverän durch das Spiel, während die Partie des Nazi-Schergen höchst zuwider ist.

Und so ist das Ganze ziemlich authentisch, zumal die Inszenierung   von Berliner Box-Experten begleitet wurde, die darauf geachtet haben, dass zwar jeder Schlag, den sich die beiden Athleten hier verpassen, "echt" wirkt, aber nicht wirklich trifft oder doch? A.C.