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Der Stein
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...Der werfe den ersten Stein...
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Uraufführung Regie: Ingo Berk; Bühne: Damian Hitz; Kostüme: Marysol del Castillo; Musik: Patrik Zeller,; Dramaturgie: Jens Hillje; Licht: Rudolf Heckerodt Mit: Lea Draeger, Judith Engel, Bettina Hoppe, Eva Meckbach, Kay Bartholomäus Schulze, Elzemarieke de Vos
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Diese klischeereiche Vergangenheits-Aufarbeitung lebt vor allem von einer Darstellerin: Judith Engel. Lange sah ich schon nicht mehr auf Berliner Bühnen ein solch grandioses Beispiel schauspielerischer Verwandlungskunst: Judith Engel ist abwechselnd die junge Frau eines Offiziers im Dritten Reich, später, als Witwe verklärt sie die den Taten und den Tod ihres Mannes, vergräbt Briefe und Parteiabzeichen im Garten- und dann als alte Dame, bereits der Demenz anheimgefallen, die mümmelt und krümelt und alles gute Benehmen, das sie, immer noch als Grand Dame gekleidet, vergessen hat! Dazwischen spiegelt sich die Erinnerung blitzartig, ansatzweise durch das streng verzogene Gesicht, die großen blauen Augen werden starr und tränenblind, die Tonlage fällt eine Terz tiefer, der schmale Rücken krümmt sich und die furchtbare Wahrheit, Jahrzehnte verdrängt, spielt sich noch einmal ab. Was alles sie vergessen, verstecken und verharmlosen wollte, wird auf der linken Bildfläche der langen, sehr zweckmäßig eingerichteten Bühne lebendig. Die Zeiten, in denen sich diese einzigartige Figur bewegt, fließen ineinander über wie ihre gleitende Robe, ihr weicher Pelz, den sie liebkosend wie ein Relikt aus besseren Zeiten an sich schmiegt, kaum merklich und verständlich für den Zuschauer, der sich die Handlung nicht zuvor vor Augen führte. Denn Judith Engel bestimmt Handlung, Ort und Augenblick mit wenigen Zuckungen ihrer Gesichtsmuskeln, einem Lächeln, dass sich noch eben liebreizend höflich ihrem Gegenüber widmete, übergangslos dann in ein kindlich aufmüpfiges Quengeln verfallen, dass der gehorsamen Tochter immerwährende Qualen bereiten wird. Denn das ist der Kunstgriff dieses ansonsten nicht unbedingt großartigen Stückes: es spielt, sich durchwebend, in drei Zeiten: 1935 als die Familie Heising dem jüdischen Ehepaar Schwarzmann das Haus abkauft, dann Jahre später, als man aus der Bundesrepublik den neuen DDR-Bewohner im alten Haus, das die Bombardierung Dresdens wie ein Wunder überstand, einen schokoldadensüßen Besuch abstattete und 1993, nach der Wende, als die drei Heising-Frauen - Großmutter, Mutter und Enkeltochter - wieder in das Haus einziehen. Erinnerungen, die um einen granitgrauen Pflasterstein kreisen, lassen Stimmungen aller Art - Wehmut, Aggression, Verzweiflung, Scham - in dem Maße aufkommen, in der die Wahrheit um diese vergrabene Reliquie der guten Tat ans Tageslicht tritt. Man sitzt am Kaffeetisch, umgeben von Menschen, die einst und heute das Leben dieser Familie bestimmten. Die schlanke, dunkle Schönheit der jüdischen Frau, die ihr Klavier zertrümmert, als die vornehme Frau Heising es ihr nicht abkaufen will - das Kind, das mit seinem Großvater hier nach dem Krieg hier ein neues Zuhause fand, nachdem seine Eltern "republikflüchtig" geworden waren - und die drei Generationen Heising: neben der zerbrechlichen alten Dame, die ihre Launen nach Art aller Diven ungeniert ausspielt, die steife, erschreckend vernachlässigte Tochter Heidrun ( Bettina Hoppe bleibt dabei leider gar zu bescheiden im Hintergrund) und die Enkelin Hannah, die mit großen blauen Augen voller Unverständnis in die alte Welt blickt, in der das heroische Bild eines Großvaters, der einer jüdischen Familie das Leben rettete, nach und nach in sich zusammensinkt. Denn das ist die Mär; den als die Angriffe auf die Juden im Dritten Reich eskalierten, kaufte der gute Großvater Wolfgang den Schwarzmanns das Haus ab ,um ihnen die Flucht in die USA zu ermöglichen. Ein Pflasterstein zerschlug wenig später die Fensterscheibe des Hauses, angeblich, um die Heisings vor weiterer Sympathie zu den Juden zu warnen. Doch nach und nach bröckelt das hehre Vergangenheitsbild und, so wie unter dem weißen Putz des verwahrlosten Hauses die alte rote Farbe hervorkommt, so wird hinter der historischen Fassade eines Familienbildes nun überzeugte Vaterlands- und Führertreue sichtbar. Die ständigen Wiederholungen dieses Themas machen es nicht weniger wichtig, aber auch nicht mehr so attraktiv für die Bühne. Es sei denn, die neuen Generationen sehen in der Erkenntnis von echter Zivilcourage und verhängnisvoller politischer Fehlentscheidung ein wichtiges ethisches Leitbild für ihr eigene Orientierung. A.C.
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