Der Tod und das Mädchen

von
Ariel Dorfman
 

 

 

Spieler zwischen den Systemen

 

 

Vaganten Bühne

übersetzt von  Uwe B. Carstensen und Ulli Stephan

Regie: Joosten Mindrup, Bühne:Folker Ansorge, Kostüme: Cornelia Nier, Technische Leitung Jörg Daiber

mit: Lulu Bail als Paulina Salas, Romanus Fuhrmann als Gerardo Escobar, Peer Jäger als Dr. Robert Miranda

 

 

 
Dieses Stück ist wichtig, es ist grausam, leider glaubhaft und realistisch. Es handelt von Willkür, Folter, Vergewaltigung, von Diktaturen und ihren Mitspielern, aber auch ihren Befehlsgebern, die mit Verstand anordnen, was die Schergen gewissenlos ausführen. Es handelt von wechselnden Machtstrukturen, ihren changierenden Farben, historischen Wiederholungen und den mühsamen Versuchen, ein humanes Miteinander mit dem Aufbau einer jungen Demokratie zu festigen. Es handelt - und das hebt es über das reine action-Drama heraus, von einem Zwiespalt, der zeitlos und allgegenwärtig ist, sowohl im großen politischen Geschäft als auch im persönlichen täglichen Miteinander, wo Menschen fehl-handeln, lieben und leiden: es ist das große Thema von Rache und Vergebung.

Paulina Salas ist eine von den gezeichneten Opfern der vorangegangenen Militärdiktatur in einem südamerikanischen Staat. Jetzt aber sind ihre Leute an der Macht und wollen alles besser machen: Die Täter sollen in einer Kommission zwar ermittelt, aber nicht an den Pranger gestellt werden, sondern sie sollen mit ihrer Schuld vor den Augen ihrer Kinder und Kindeskinder weiterleben. Eine moralische Buße, die ihr weiteres Leben bestimmen wird. Gerardo Escobar ist ein junger politisch engagierter Anwalt, der als Vorsitzender diese Kommission leiten soll - eine Bombe für die Ehe. Denn Paulina kann die Grausamkeiten, die man ihr als junger Studentin einst im Verhör angetan hat, nicht verwinden; verhärtet und verbittert fordert sie, dass die Über-Lebenden nicht durch die öffentliche Bestrafung der Täter Genugtuung erfahren sollen. 

Gerardo ist verzweifelt, denn in ohne Zustimmung seiner Frau hat er dem Präsidenten bereits zugesagt, das Amt zu übernehmen. Überzeugt, Paulina auf seine Seite ziehen zu können, fährt er noch am Abend in ihr Wochenendhaus, um dort ein paar ruhige Tage zu verbringen, bevor er die Kommission einberuft. Eine Reifenpanne auf dem Heimweg läßt ihn eine seltsame Bekanntschaft mit einem hilfsbereiten Arzt machen, der ihm seinen Wagenheber leiht. Die beiden Männer kommen dabei offensichtlich ins Gespräch - und die Geschichte nimmt ihren dramatischen Lauf; denn dieser gute Geist der Nacht taucht plötzlich um Mitternacht im Strandhaus von Paulina und Gerardo auf, um sich nach dem Wohlergehen der beiden zu erkundigen. Seltsam.
Paulina, die zitternd im Nebenzimmer hockt und den Worten des Fremden lauscht, erkennt die Stimme dieses Mannes: es ist die des verhaßten Peinigers ihrer Verhöre, der während der Prozeduren Schuberts Konzert "Der Tod und das Mädchen" abspielte. Ein kultivierter Musikliebhaber? Paulina hört, wie er Gerardo über Sinn und Vorgehensweise der Kommission auszuhorchen versucht und fühlt ihre Ahnung noch weiter bestätigt, als sie später im Autoradio des Doktors eine Kassette findet: "Der Tod und das Mädchen". Sie handelt jetzt wohlüberlegt: sie will Genugtuung, sie will Rache, sie wird diesen Mann töten, sofern er nicht ein Geständnis schriftlich niederlegt, das die Geschichte ihres Verhörs wiedergibt: pars pro toto.
Für Gerardo beginnt ein verzweifelter Kampf zwischen der Liebe zu seiner Frau und seiner politisch-ethischen Pflicht: Gleiches nicht mit Gleichem zu vergelten, den Menschen des Landes zu zeigen, dass mti dieser (neuen) Regierung eine andere, bessere Gesellschaft möglich ist.
Das alles ist dramaturgisch sehr spannend aufgebaut; wie ein Katze- und Mausspiel umlauern einander Täter und Opfer, um Indizien zu verdichten und wieder in Frage zu stellen. Wer wird leben, überleben, wer oder was sühnt die Taten, kann der Mensch vergeben ohne zu vergessen,  und, wirkt die moralische Verurteilung stärker als der Tod?
Lulu Bail zeigt in der Rolle der Paulina eine verkrampfte, verbitterte Frau, die weder die physischen Schmerzen noch die psychische Erniedrigung verwunden hat und auch nicht die Untreue ihres Gerardos, dessen Namen sie damals unter den schlimmsten Qualen nicht preisgegeben hatte. und der sie in jenen Tagen mit einer anderen Frau betrog... Die Fragen und Konflikte des Alltags bleiben hart im Raum: Vergebung oder Vergeltung?
Romanus Fuhrmann kann weich und zärtlich sein, doch heftig und aufbrausend, wenn es um seine politischen Prinzipien geht. Ob er auch in den Banalitäten des Alltags - wie einem ausgeliehenen Wagenheber - so unkontrolliert aus der Rolle fallen muss, fragt man sich; Wenn Gefühlsausbrüche überzogen sind, fällt es seine tragische Steigerung hernach schwer. Warum überhaupt muss man auf der Bühnengeschehen immer so lautstark leiden? Peer Jäger kann den Dr. Miranda sehr wohl verhalten spielen, mit einer eindrucksvollen Modulation, zudem mit einem überzeugenden, erschreckenden und entlarvenden Mienenspiel, das ihn als Täter glaubwürdig macht, doch zugleich seine beinahe diabolische Stärke zeigt, mit der er die Indizienanklage zu unterminieren versteht. Ein skrupelloser Spieler zwischen den Systemen. Das macht Angst! A.C.