Die Dummheit

von
Rafael Spregelburd

 

  

Eine schwarze Komödie:

  Turbulenzen um ein tolles Tape

 

   

Schaubühne  

Die Heptalogie des Hieronymus Bosch Teil IV: Deutsch von Sonja und Patrick Wengenroth; Deutschsprachige Erstaufführung

Regie: Tom Kühnel
Bühne: Jan Pappelbaum

Kostüme: Ulrike Gutbrod
Dramaturgie: Jens Hillje
Musik: Matthias Trippner, Martin Klingeberg, Christian Kögel; Licht: Michael Gööck
mit:
Jule Böwe, Lars Eidinger, Stephanie Eidt, Falk Rockstroh, Felix Römer, 

 Kurzgefasst

Glanzrollen für die selten in so fröhlicher Stimmung agierenden Schauspieler, allen voran Jule Böwe, die so prächtig mit ihrer rauchigen Stimme kreischt und quakt und betört und labert, dass man vollends hingerissen ist. Es ist zu vermuten, dass der Argentinier Spregelburd in erster Absicht Amerikaner und Kanadier auf dem Kieker hat und ihnen ihre Fress-Sucht, ihre sprachlichen Eigentümlichkeiten, ihre Machenschaften und Unarten wie die groben Sitten ihrer Polizei und ihren zuweilen erbärmlichen Umgang mit den Schwachen in der Gesellschaft unter die Nase reiben will - Regisseur Tom Kühnel überträgt das alles ins Skurrile und mischt alle Dummheit dieser Welt mit Witz gründlich auf.

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 Das ist vielleicht das Ungewöhnlichste an dieser Inszenierung: In der Schaubühne darf gelacht werden. Es ist ein ebenso heiteres, wie grausames Spiel, das sich da nach und nach im zunehmendem Wirbelsturm der Ereignisse puzzleartig zusammenfügt. Fünf Schauspieler, zwei Frauen und drei Männer, begeben sich in vierundzwanzig verschiedenen Rollen, die von ihnen in den Turbulenzen der Ereignisse eine schier unglaubliche Schnelligkeit verlangen, auf die Suche nach dem Glück. Sie müssen nicht nur flink in andere Kostüme und Rollen schlüpfen, sondern auch die Handlungsstränge einer ziemlich verworrenen Krimigroteske miteinander verquicken - und das macht allen offensichtlich Spaß, viel Spaß. Was vor allem bemerkenswert ist: Sie können durchaus Ernsthaftes mit Skurrilem, Absonderlichkeiten mit Lächerlichkeit servieren, ohne dass es jemals peinlich ist. Das mag allerdings nicht jeder Schaubühnenfreund goutieren, dem die Ernsthaftigkeit und Tiefgründigkeit strenge Maßgabe für diesen Musenort sind. Aber wer Spaß am Spiel hat - und mag es auch noch so gemein gemeint sein, nämlich die Dummheit der Menschen, ihre Gier nach Geld, ihre Arglist und ihren Argwohn, ihre vielen kleinen und großen Manipulationen aufzuspießen -, der kommt bei dieser schwarzen Komödie auf seine Kosten.

Der Autor lässt die Fäden der Geschichte in Las Vegas zusammenlaufen. In einem Hotel (bühnenbildnerisch spärlich mit einem gammeligen Matratze und durchlässigen Türrahmen angedeutet sowie einer viel benutzten, überflüssigen Toilette, von einer Holzwand verborgen, hinter der sich auch die Schauspieler in Windgeschwindigkeit umkleiden) hamstert eine Gruppe übergewichtiger Gelegenheitsspieler am Roulettetisch ihr bescheidenes Budget zusammen, zwei Kunstfälscher und ihre potentiellen Käufer  versuchen einander übers Ohr zu hauen, und zwei Popmusik-Mafiosi versuchen von ihrem Opfer, einem arbeitslosen und jähzornigen Schauspieler, Schulden einzutreiben.Dessen behinderte Schwester wird später das Kostbarste aller kostbaren Dinge, um die hier gerungen wird, mit verzückter Miene anhören: nämlich die mit den geheimen Daten besprochene Tonkassette eines Wissenschaftlers, der die Formel zur Berechenbarkeit der Zukunft entdeckt hat. Dass dieser ein ziemlicher Griesgram ist, der zudem aufs Gröbste mit einem Kollegen zu streiten vermag, weist ihn nicht nur persönlich als ziemlich humorlos aus, sondern scheint seiner Zunft und seiner letzthin furchtbaren Erfindung durchaus angemessen... Drei schwule und korrupte Polizisten wuseln zwischen allen wichtigtuerisch und erfolglos herum und sammeln zwei leichte Mädchen auf, die ihnen ziemlich auf die Nerven gehen.Dass die Band mit treffsicherer Begleitung die Situationen oftmals recht lautstark untermalt, hemmt zuweilen das Verstehen, und die Schauspieler vermögen auch nicht dagegen anzuschreien. Die Jungs dürften sich also ruhig etwas zurücknehmen. Sie sind trotzdem prima! A.C.