Draussen tobt die Dunkelziffer

von
Kathrin Röggla

 

 

Auch der Kredithai, der hat Zähne!

Kein Ausweg aus der Schuldenfalle

    

  Maxim Gorki



Regie: Stephan Müller

Bühne: Hyun Chu
Kostüme: Marion Münch

Mit:

Anya Fischer, Monika Lennartz, Ruth Reinecke, Ursula Werner, Thomas Bischofberger, Silvio Hildebrandt, Wolfgang Hosfeld, Rainer Kühn, Thomas Müller und vielen anderen

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Kurz gefaßt:

 

Ein kurzweiliges, kritisches und zum Teil auch amüsantes Faltblatt bundesdeutscher Kreditauswüchse. Die nachdenklichen, nicht immer leicht verständlichen Gedanken der Autorin zur "Schuldenfalle" werden in feinster Weise szenisch und schauspielerisch umgesetzt. Eine bemerkenswerte Aufführung!

 

Die Aufführung beginnt mit einem Überraschungscoup und bleibt auch zwei Stunden lang den Zuschauern keine Kurzweil schuldig. Obwohl das Thema bitterböse ist - nämlich die Verschuldung vieler Menschen bis sie im Abseits der Gesellschaft landen -, wird es so phantasievoll inszeniert, wie man es bei politisch ambitionierten Regisseuren bisher selten erlebte.  
Zunächst springen von den vordersten zwei Sitzreihen im übermäßig hell erleuchteten Raum gut zwanzig Leute im hellbraunen Anzügen auf die Bühne, stellen sich an den Rand und schleudern einen anklagenden Text ins Publikum, werden schneller und heftiger und lassen vermuten, worum es geht. Aber noch nicht so richtig. Die helle kahle Bühne wird von drei hohen kartonartigen Wänden umrahmt, während durch eine kleine Öffnung im Hintergrund und zwei Seitentüren die zehn Hauptakteure im schnellen und geheimnisvollen Wechsel aus- und eintreten und zu zweit oder im Gruppenspiel das Bild einer harschen Gesellschaftskritik entwerfen, die aber bis auf wenige, sehr beeindruckende Szenen niemals brutal wirkt. Eher flapsig und ironisch, in Redensarten und allgemein gehaltenen Zitaten werden die verschiedenen Situationen und Schicksale von Menschen vorgeführt, die in die "Schuldenfalle" hineingetappt sind, jedoch von der "Dunkelziffer da draußen", die doch alles und Jeden im Detail statisch zu erfassen versucht, verschluckt worden sind. Dabei wechseln die Schauspieler lediglich ihre Jacketts, tauschen sie mit hellen Kitteln oder schwarzen Trauermänteln; ihr Spiel bleibt vorwiegend gestisch und mimisch und damit ungemein ausdrucksstark, ihre Bewegungen sind choreografisch synchron, raumgreifend und beziehungsreich. Obwohl sie ein Spiel, einen dramatischen Ablauf, nur andeuten, entsteht ein Kaleidoskop, das alle Aspekte ineinander fließen lässt und dann wieder freigibt, um sie zu neuen Bildern zu formen.

Da ist die Frau,  die sich in ihrem Kaufrausch ins Unglück gestürzt hat; der Mann, der alles und jedes mehrfach kauft. Da sind Menschen, die der verführerischen Konsumvielfalt nicht zu widerstehen vermögen. Sie haben zwar eine Krankheit, aber es geht auch um eine Verführung für all jene, die plötzlich vor einer Aufgabe des Lebens stehen, der sie nicht gewachsen sind: Nein zu sagen, eigene Verantwortung zu übernehmen, sich abzusichern, die Konsequenzen zu hinterfragen.

Kredithaie, Banken, Versandhäuser, Werbung gehören zu den großen Verführern einer schwachen und wehrlosen Klientel, das an den zu spät erkannten und letzthin nicht mehr überschaubaren Modalitäten zerbricht. In so sitzen sie schließlich ausweglos in der  Schuldenfalle. Spiel und Alkohol, Kaufsucht, Selbstüberschätzung,. Gescheitere Existenzen stehen vor den unerbittlichen Verwaltern des Gesetzes, der Geldinstitute, der Behörden, der Justiz. Was zuletzt kommt: der Bittgang zum Sozial-, zum Arbeitsamt. Und dort? Werden sie weiter geschickt, zum nächsten Vermittler, zur nächsten Zuständigkeit. Das große kleine Spiel ist aus.

Musikalisch wird dieser facettenreiche Bilderbogen abwechselnd von herziger Romantik und harten Beatrhythmen untermalt, die sich - nun doch mit einiger Brutalität - bis zum unerbittlichen Dröhnen einer Zuges steigern, das ihre Proteste und Hilferufe übertönt.

Die Schauspieler des Gorki-Theaters werden in einem Maß gefordert, wie es bisher eher ungewöhnlich war. Sie müssen nachdenkliche, poetisch-intellektuell verdeckte Texte darstellerisch umsetzen, aus Gedanken und Reflektionen eine Geschichte transparent machen - und sie tun das mit Bravour! Regisseur Müller und sein Team übertragen phantasievoll, zugleich sparsam und nachhaltig ein politisch und menschlich brisantes Thema auf Theaterformat. A.C.