Eldorado

von

Marius von Mayenburg

 

  

Endzeitstimmung - oder:

 Kein schöner Land in dieser Zeit

 

 

Schaubühne 
am Lehniner Platz

Regie: Thomas Ostermeier

Schaubühne am Lehniner Platz

Bühne: Jan Pappelbaum

Kostüme: Almut Eppinger

Musik: Matthias Trippner, Christine Söring

Dramaturgie: Maja Zade

Licht Erich Schneider

mit:

Ingrid Andree, Stephanie Eidt, Judith Engel, Dieter Mann, Matthias Matschke, André Szymanski

Kurzgefasst:   

 

In dieser Inszenierung gibt es von allem etwas: Eine unglücklich beendete Karriere, menschliches Versagen und mangelnder Mut, die Lebenslüge aufzudecken bei Anton; Bei Thekla: die gescheiterte Karriere einer Künstlerin, die sich in häusliche Geborgenheit flüchten möchte; Bei Aschenburger: Die Ohnmacht eines Mannes, der dem Terror dieser Welt nicht gewachsen ist, der keine Vision mehr hat, wie Verwüstung von Wald und Flur, Mensch und Getier aufzuhalten sind. Wie im Großen so versagt auch der Mensch im Kleinen, er kann die Welt nicht retten, weil er sich selbst nicht zu helfen vermag. Oder: Eine aus dem sozialen und ethischen Gleichgewicht geratene Gesellschaft schafft sich ihren eigenen Untergang. Endzeitstimmung, wie gewohnt, aber gemäßigt.

 

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Das Weltinferno bleibt im Hintergrund, wohllautig von Dieter Mann im eleganten schwarzen Anzug vorgetragen, der die eigene Beerdigung bereits in totaler Distanz vorwegnimmt. Das menschliche Trauerspiel allerdings ist hautnah und wird mit Hilfe eines toten Waldes an uns herangetragen. Aus dem laubbedeckten Boden wachsen fremd und kühl ein Konzertflügel und kahle, elefantengraue Baumstämme, die ihre Kronen längst verloren haben - durch den großen Terrorangriff? Man könnte es vermuten, nach dem, was Dieter Mann so rasch und telegen abspult: Tiere und Menschen im Zoo sind tot, die Stadt ist verwüstet; gähnende Erdlöcher, zerstörte Häuser, eine "westliche" Armee, die irgendwo und irgendwie Ordnung schaffen soll, eine wütende Meute Mensch, die dabei ist, die scheinbar Schuldigen zu lynchen. Doch das eigentliche Grauen bleibt noch fern und fremd. Es erlaubt noch kein Näherkommen, es berührt uns nur dosiert in kühlen Medienberichten; was bleibt, ist eine distanzierte Wahrnehmung, ist die Verdrängung der - nach Mayenburg - nicht zu ertragenden Gewissheit, das wir für eine Entwicklung verantwortlich sind, die uns aus den Händen geglitten ist; man flüchtet in den eigenen Bau.

So wie der junge Architekt Anton ( großartig in allen Facetten seines "falling down": von der Zuversicht über die unendliche Verzweiflung zur endlichen Paranoia), der mit seinem Chef gewinnversprechende Immobilengeschäfte auf dem zerfetzten Grund und Boden der Stadt tätigt. Um seiner jungen Frau ein komfortables Haus fern auf dem sicheren hohen Waldhügel zu errichten, fälscht er die Unterschrift seines Chefs und - fliegt. Aber nicht einfach so. Denn dieser Chef Aschenburger (eben Dieter Mann) ist beinahe kafkaesk surreal - ein Zyniker, der Terror und Zerstörung der Stadt als das begreift, was der Autor eigentlich ausdrücken möchte. Gerade das aber wird in dieser Inszenierung nicht transparent: dass dies die Anfänge des Unterganges sind, dem nur noch eine Götterdämmerung in Form einer grell gleißenden nuklearen Fackel folgen kann. Und so nimmt sich der hellsehende, doch zur verändernden Tat unfähige Aschenburger schließlich das Leben. Dieter Mann hat als Schatten Antons dessen Visionen unter starker sprachlicher und gedanklicher Kontrolle. Eine ungewöhnliche Verkörperung der Schwachen und Entmutigten.

Was das einsame Klavier auf dem morschen Laubboden betrifft, so ist es Anfang und Ende einer ziemlich mäßigen Karriere von Antons Frau Tekla (Stephanie Eidt als verhärtetes Erziehungsprodukt einer grässliches Mutter), die weder Schumanns seelenvolle Etüden beherrscht noch die doch ziemlich offen zutage tretende Hilflosigkeit ihres Mannes zu deuten weiß. Gleichermaßen egozentrisch sind auch die anderen beiden Damen in diesem Endzeit-Spiel: Ingrid Andree, die große alte Dame - Dürrenmatt lässt grüßen - ist voller Bissigkeit und Sarkasmus für die untalentierte Tochter und den jungen Liebhaber, so grotesk und obszön wie sie eben sein darf. Judith Engel verbirgt als unterbelichtete oder bereits hochneurotisch-magere Schülerin hinter der kindlichen Stimme und Aufmachung (Kostüme wie immer zu schwer und geschmacklos), offensichtlich ein weibliches Zerstörungspotential, das an Tennessee Williams anknüpfen könnte - vielleicht später einmal, wenn Regisseur Ostermeier bereit ist, die ganze Härte dieses Schauspiels darzustellen. A.C.