Elektronic City

(Das System 1)

von Falk Richter

  Das ganz normale Chaos unserer Zeit

 

Schaubühne 

Regie: Tom Kühnel

Bühne Jan Pappelbaum

Kostüme: Anja Meier

Musik: Malte Beckenbach

Dramaturgie: Jens Hillje

Video Julian Rosefeldt

Licht Michael Gööck

mit: Jule Böwe, Bruno Cathomas, Linda Olsansky, Felix Römer, Jenny Schily

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Seit Beginn dieses Jahres hat die Schaubühne für den Regisseur Falk Richter (Jahrgang 1969 in Hamburg, z.Zt. in Zürich) eine eigene "Elektronic"- Werkstattreihe etabliert, in der er u.a. mit eigenen Theatertexten "unsere Art zu leben" sehr kritisch untersucht. Richter schrieb Stücke wie "Alles. Alles in einer Nacht", "Kult. Geschichte einer virtuellen Generation", "Peace", "Sieben Sekunden", "In God we Trust", "Gott ist ein DJ" (in 15 Sprachen übersetzt!), "Nothing Hurts", die an verschiedenen deutschen Bühnen aufgeführt und vielfach ausgezeichnet wurden. Richter steht als Regisseur vor allem Autoren wie Lars Noren, Marc Ravenhill, Sarah Kane, Caryl Churchill und Jon Fosse nahe, mit denen er die Vorliebe teilt, menschliche Sprachlosigkeit und Einsamkeit in einer durch Globalisierung emotional verarmten Welt aufzugreifen. 

 

Da die neuen Autoren und Regisseure sich aller alten Regeln des dramatischen Theaters entledigt und stattdessen einer oft ausufernden, auf mehreren Ebenen gleichzeitig erzählenden Spielform zugewandt haben, erfordert dies auch ein neues Publikum - eines, dass bereit ist, sich unscharfen Sichtweisen und aufgetürmten Inhalten sowie einer verarmten Umgangssprache zuzuwenden. Der Kampf der Künstler gegen Medien (die sie aber bewusst für ihre Ziele einzusetzen wissen), Macher- und Machos in dieser Welt gleicht eher einer ungeordneten Feldschlacht als einem überlegten Angriff auf eindeutig auszumachende Ziele.

Die 1. Version zum Thema "Systeme unserer Zeit" - es gibt insgesamt 4 Stücke an der Schaubühne hierzu (2/Unter Eis; 3/Amok; 4/Hotel Palestine) ist eigentlich eine Liebesgeschichte, die so schön sein könnte wie eine echte TV-Seifenoper. Das wird denn auch in verschiedenen Videoaufnahmen in Großformat vorgeflimmert. Aber leider sieht die heutige Wirklichkeit bei Richter & Co anders aus:

Jan Pappelbaum hat dazu einen kleinen Flecken der runden Schaubühnenfläche mit grünem Rasenteppich, riesigem Buschwerk sowie einer gemütlichen Kaffee-Ecke hergerichtet, an der drei Regisseure ( ein Mann und zwei Frauen) an ihrem nächsten Plot zum Thema "Entmenschlichung durch Globalisierung" rauchend, trinkend, essend, relaxend und hin und wieder auch theatralisch arbeiten. Mehr spontan als wirklich reflektierend erfinden sie sich selbst als Karikatur. Ernsthaft sind jedoch ihre Protagonisten, eben dieses bedauernswerte Paar, das nur einmal für eine halbe Stunde in irgendeiner VIP-Lounge auf irgendeinem Flughafen dieser Erde zusammenkommt, um sich gleich wieder zu verlieren. Sich selbst und seine Orientierung.

Denn was dem armen Manager Tom da von den bösen Kräften der Markt- und Weltwirtschaft angetan wird, ist wirklich nicht schön: Zwischen immer gleichen Flugzeugen, Hotelzimmern, Konferenzteilnehmern irrt er verlassen und verloren umher, findet sein handy nicht, das ihm vielleicht wieder zu Ort und Aufgabe und Individualität verhelfen könnte, verzweifelt, dem Wahnsinn nahe (siehe auch "Lost in Translation")... Der Schauspieler, der diesen Tom für die TV-Serie spielt, wird auch Wahnsinnig: Spiel im Spiel. Bruno Cathomas macht das hervorragend; das einzige Wesen von Fleisch und Blut, das Regisseur Tom Kühnel zulässt. Seine Geliebte Joy, mal Naivchen in Blond, dann recht selbstbewusst in ihrer Rolle als eine durch tausend Jobs joggende abgebrochene Studentin, dann wieder ein Wrack der Mechanisierung und hilfloses Opfer einer entnervten Managermeute, verirrt sie sich in diesem Knäuel der großen Schicksalsanklage. Jule Böwe lässt diese Joy als Fiktion agieren, als Möglichkeit einer außer sich und neben sich stehenden Person, die pars pro toto steht. Auch als Reporterin (die einem Autor hohle Floskeln entlockt, während der ausgebrannte Regisseur in Raserei verfällt, die die Selbstgefälligkeit einer Aufnahmeleiterin hinter der dunklen Sonnenbrille entlarvt) spielt sie eben nur eine von vielen Rollen, die es in unserer Gesellschaft zu bestaunen gibt. Alles ist beliebig.

Autor und Regisseur möchten eine schier unendliche Flut von Einfällen unter einen Schirm bringen. Das ist zuviel des Guten und Wahren, wenn auch oft geistreich und witzig. Aber weniger wäre mehr. Kühnel überzieht und strapaziert die Geduld der Zuschauer, wenn er Szene an Szene reiht und schließlich nichts Neues mehr bringt. Die Videoszenen werden länger und länger, das Liebespaar rennt durch die Dünen zum Meer und wir warten derweil geduldig auf ihre Rückkehr; und wieder schwenkt die Aufnahmekamera des TV-Teams über die pockennarbige Betonwand der Schaubühne, unscharf laufen die Bilder aufeinander zu, und schwenk - nun ist wieder das reale Theater-TV-Team im Blickpunkt, das sich schreiend an Mikros verteilt und unendlich oft "Fuck" schreit. Wut. Ja natürlich. Worüber? Über alles, über eine entmenschlichte Managerwelt, über Globalisierung und Billiglohn, über Mechanisierung und Automatisierung, über Medienherrschaft und - ach, einfach über alles.

Man kann darüber gut diskutieren. Sogar manchmal über einen guten Gag lachen. Aber Freude hat man nicht daran. A.C.