Filumena

 von
Eduardo De Filippo

aus dem Italienischen von Richard Hey
 

 

 

Hochzeit auf brandenburgisch

 

 


Hans Otto Theater Potsdam

Regie:  Petra Luisa Meyer

Bühne: Matthias Schaller
Kostüme: Jessica Karge
Dramaturgie: Anne-Sylvie König; Musikalische Einrichtung: Christian Deichstetter und Marc Eisenschink 

 

Ensemble: 

Mit: Angelika Domröse, Winfried Glatzeder, Günter Rüger, Monika Lennartz, Friederike Walke, Ulla Schlegelberger, Helfe Sauer, Urlich Rechenbach, Michael Scherff, Helmut G. Fritsch

 

 

 

 
 Wer so große Vorspieler hat wie Sophia Loren und Marcello Mastroianni, der hat eine schwere Aufgabe übernommen, will er die zahlreichen filmtechnischen Möglichkeiten auf die Bühne übertragen: Petra Luisa Meyer, die mit dem Stück "Verbrennungen" eine vorbildliche spannende Inszenierung vorführt, hat in dieser vertrackten Komödie, die zugleich ja auch eine Tragödie ist, zuviel des Guten getan und damit den sprühenden italienischen kritischen Witz "verdeutscht", das heißt, von Anfang an die Pointen überbetont und den Spannungsbogen einer sich dramatisch zuspitzenden Erzählung vernachlässigt.

Zwar stehen ihr mit Angelica Domröse und Winfried Glatzeder zwei renommierte ehemalige DDR-TV-Schauspieler zur Verfügung, und diese konnten von vornherein ihrer unkritischen Bewunderer im Publikum sicher sein, doch ändert das nichts daran, dass man sich hier mit einer grandiose Fehlinterpretation und vielleicht auch einer  Fehlbesetzung des Stückes auseinanderzusetzen hat.

Da ist als Hauptperson die jahrzehntelang von ihrem Liebhaber ausgebeutete Prostituierte Filumena die sich sterbenskrank stellt, und während der Priester ihr das letzte Sakrament gibt, dem verhassten, zugleich geliebten und stets treulosen Domenico die Eheschließung abluchst, um hernach quietschvergnügt vom Totenlager aufzustehen und hämisch über den gelungenen Coup zu triumphieren; denn sie bringt nicht nur sich selbst im herannahenden Alter endlich unter die finanziell glänzende Haube, sondern auch noch ihre drei unehelichen (allerdings mittlerweile erwachsenen) Söhne mit in die spät geschlossene Ehe. Mit reizvoller Anzüglichkeit erinnert die eingespielte Musik unter anderem an die trickreichen Schwestern in Mozarts "cosí fan tutte" wie an den liebeshungrigen Grafen Almaviva in der "Hochzeit des Figaro"...

Die anmutig-elegante Angelica Domröse hat natürlich den dominierenden Part dieser Rächerin und schöpft davon vom ersten Atemzug an, der ja den letzten vortäuschen soll. Schreiend und krächzend könnte sie auch zum Furcht einflößenden Kreis der Erynien   gehören, kein Wunder also, dass sie so heiser ist! Und auch ihr so tückisch hintergangener Partner Domenico wird von Winfried Glatzeder nuancen- und übergangslos als tobendes Ungeheuer verstanden; wild rudert er mit Armen und Beinen im Raum umher, dem Wahnsinn nahe und, bis auf einige Albernheiten, bis ans Ende ein wütender, wutentbrannter, hemmungslos sich verausgabender Macho. Das alte Dienerpaar ( Günter Rüger mit unvermindert brandenburgischem Akzent und Monika Lennartz, bekannt als wohltemperierte Kleist-Interpretin am Berliner Maxim-Gorki-Theater) wird von ihm kraftmeiernd einfach emporgehoben und in irgendeine Ecke oder aufs goldene Sofa drapiert, wenn es sich gar zu vorlaut auf die Seite der Filumena stellt. Warum diese allerdings erst nach 35 Jahren Bett- und Tischgemeinschaft aufmuckt, ist angesichts ihres derb-drastischen Temperaments, das heftig mit ihrem damenhaften Habitus kontrastiert, nicht so ganz glaubhaft. Auch ihre sentimentalen Anwandlungen, die sich Mitleid erheischend um das Gedeihen und das Schicksal der Kinder allgemein und der ihren im Besonderen drehen, rühren in diesem Wechselbad der Gefühle nicht an das wahre Empfinden.

In dem weitläufigen Wohnraum, dessen große Fenster den Blick zum Golf von Neapel und auf den Vesuv vortäuschen, stehen nur das erwähnte goldene Sofa sowie ein Tisch, der als Altar, Badewanne und als Esstisch eingesetzt wird. Als Badebehälter hat er die Funktion, abwechselnd die männlichen Ensemblemitglieder abzukühlen, wenn deren Emotionen gar zu hoch schlagen. Ob das erheiternd ist, steht auf einem anderen Blatt. - 

Man ahnt bereits, wie die Geschichte sich entwickelt und ist bass erstaunt über die ausdruckslosen, weichen Söhne, die sich da plötzlich inmitten einer fremden Welt befinden, in der sich die schöne Frau, die ihnen bisher als Gönnerin bekannt war, nun auch als ihre Mutter offenbart. Der Hausherr - und vielleicht ihr neuer Vater -, der sich als echter Wüterich gebärdet, ist ihnen ohnehin unsympathisch; einzig und allein das katzenhaft sich windende Dienstmädchen gefällt ihnen als spielerische Liebesgefährtin, sobald sie immer wieder auf die winterlich verschneite Terrasse hinaus befördert werden, während sich die "Erwachsenen" drinnen in neue Kämpfe verbeißen. Ein Rechtsanwalt annulliert die Eheschließung, und Filumena gibt sich anscheinend geschlagen; man geht in die Pause und findet, das es hier auch enden könnte. Doch im letzten Akt will die Regisseurin offensichtlich herausholen, was sie die zwei Akte lang versäumte. Die Handlung wird lebendiger, die langen Monologe gestrichen, die Darsteller erinnern sich an ihre Lektionen, wie man eine Komödie spielt. Nur Frau Domröse bleibt dem unantastbaren Habitus der Grande Dame treu. Das Ende kommt, unerwartet und dramaturgisch unvorbereitet. Begeisterter Beifall für die Darsteller und deren filmische Glanzleistungen, die diese Aufführung leider vermissen lässt. A.C.