Frost/Nixon

von
Peter Morgan

 

 

Ein Kampf auf der unnützen Seite des Lebens

 


Deutsche Erstaufführung – Premiere am 06.09.2009 an den Hamburger Kammerspielen
 
Gastspiel am 

Schlosspark Theater


Deutsch von Michael Raab
Regie: Michael Bogdanov
 
Mit: Volker Lechtenbrink, Michael Ehnert, Andreas Dobberkau, Volker Hanisch, Thomas B. Hoffmann, Roland Renner, Jacques Ullrich, Samantha Viana, Alexandra Pille, Jan Friedrich Schaper
 

Leider gastierten die Hamburger Kammerspiele mit ihrer bemerkenswerten Inszenierung und den brillanten Darstellern nur drei Abende im Schlosspark Theater. Zu hoffen bleibt, dass man sich nach dem immensen Publikumserfolg noch einmal entschließt, in Berlin zu spielen

 

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Historische Vorgeschichte:
Drei Jahre lang schwieg Richard Nixon nach seinem Rücktritt in Folge der Watergate-Affäre, doch im Sommer 1977 ließ sich der stahlharte und überaus redegewandte Ex-Präsident auf eine exklusive Reihe von Fernsehgesprächen ein, um über seine Amtszeit zu sprechen. Die Erwartungen waren hoch, Einzelheiten über die Hintergründe des Spionagefalls zu erfahren. Nixons überraschende Wahl für den Moderatoren der Sendereihe fiel auf den bis dahin eher als windig bekannten britischen Moderator und Entertainer David Frost - wahrscheinlich in der Hoffnung, leichtes Spiel mit ihm zu haben, um sich so ohne große Gegenwehr einen Platz in den Herzen und Köpfen der Amerikaner zurückerobern zu können. "Frost/Nixon"  - von Peter Morgan zunächst als Theaterstück geschrieben und erst dann als Film dramaturgisch aufgearbeitet - blickt vor und hinter die Kulissen dieser denkwürdigen Begegnung, die für beide zum öffentlichen Moment der Wahrheit wurde. (Quelle: wikipedia)

  Beide sind keine Männer zum Kuscheln. Knallhart und rhetorisch versiert, hellwach und konzentriert, blitzgescheit und angriffslustig - kämpfen zwei Repräsentanten des amerikanischen Volkes um ihre Reputation, um die Macht, jeder auf seine Weise: der Ex-Präsident Richard Nixon und der TV-Entertainer David Frost. Auf der Bühne: Volker Lechtenbrinck als eben dieser geschickt lavierende, geldgierige, machtsüchtige abgehalfterte 37.Präsident der Vereinigten Staaten, der seinen persönlichen Imageschaden noch einmal, ein letztes Mal aufzupolieren versucht. Lechtenbrink ist nicht nur äußerlich großartig verwandelt, sondern er hat auch die unbedingte Leidenschaft, den scharfen Humor, die geschickte Hinterhältigkeit, die man in politischen Kreisen "Diplomatie" nennt. Spürbar mit jedem Wort und jeder Geste, die er dem Ex-Präsenten abguckte, hat er sich dessen außerordentliche Medienpräsenz einverleibt.
Und damit es keinen Zweifel daran gibt, was sich hinter den Worten der beiden Kontrahenten verbirgt, wird ja dieses Fernsehduell auf Großleinwand übertragen: da muss jeder Gesichtszug, jede Gefühlsregung in den Augen stehen, spiegeln sich Plus- und Minuspunkte in einem erbitterten Schachspiel in Augen und Mundwinkeln. Für Augenblicke nur, aber das ist perfekt. Michael Ehnert als eleganter, höflich- und kampfbereiter Interviewer verfügt über ein großartiges Mienenspiel, seine nonverbale Ausdrucksfähigkeit spricht Bände. So wie er den Kampf bereits im Vorfeld aufnimmt, horrende Summen für den nimmersatten Nixon auftreibt, den Mitarbeiterstab in bester Logistik arrondiert und in das Rennen schickt; denn es geht auch für ihn um alles oder nichts. Und dass er nebenbei noch Zeit für einen professionellen Flirt mit einer entzückenden Lady im Flugzeug findet, rundet diese talentierte Journalisten-Persönlichkeit ab. Samantha Viana eine bildhübsche wenn gleich auch vorwiegend stumme  Begleiterin auf diesem harten Politfeld der Männer; sie lockt zunächst mehr als der berühmte TV-Star der Köder, den er für sie auswirft: die Begegnung mit Richard Nixon. Gewandt und witzig  sind die Parts der Männerrollen, und die Regie ordnet die Szenen und Wortpartien so geschickt, dass kein Fünkchen der Spannung verloren geht, der sich die schweißtreibende amerikanischen TV-Praxis bedient, um Einschaltquoten hochzuschrauben und Werbung anzulocken. 

Was der Amerikaner nun überhaupt nicht verkraften konnte und sicher auch weiterhin als totalen Gesichtsverlust sieht, sind politische Unlauterkeit,   Verlogenheit und Betrug, wie ihn der skrupellose Selfmademan Nixon nach knapp sechs Präsidentschaftsjahren (1968-1974) im Wahlkampf am politischen Gegner verübte - indem er seine Leute in die Büros der Opposition einbrechen und Wahlkampfakten als Munition entwenden ließ.
(
In Deutschland wird sich dies Trauerspiel in Schleswig Holstein 1987 in ähnlicher Weise wiederholen. Schon vergessen scheint die Kieler-Affäre um Rainer Barschel und seinen Doppelagenten Reiner Pfeiffer, der für ihn verleumderische Propaganda gegen Björn Engholm betrieb und Räume der Opposition verwanzte und damit hausieren ging? Barschel nahm sich darauf das Leben, vermutlich).
Richard Nixon kämpfte weiter - nicht, indem er die Wahrheit von sich aus ans Tageslicht brachte, nämlich, dass er der Verantwortliche für den Einbruch in Watergate war, sondern indem er einzig und allein um die Anerkennung seiner politischen Erfolge als Präsident kämpfen wollte. Und die waren in der Tat bemerkenswert, wenn auch nicht unumstritten: 1968 setzte er sich als Nachfolger Lyndon B. Johnsons durch und leitete, unterstützt durch seinen Sicherheitsberater und Außenminister Henry Kissinger die Normalisierung der Beziehungen zu China und der UdSSR ein. Er beendete den Vietnamkrieg - nach vorheriger Auseiterung auf Kambodscha (1970) und Laos(1971) um die Roten Khmer in den Griff zu bekommen. Mit einem Waffenstillstand mit Nordvietnam 1973 schloss dies Kapitel, das ein Desaster für Amerika war.

Und genau dies war das Problem von Frost und seinen Mitarbeitern, allesamt hochbegabte Journalisten und Autoren. Nämlich Nixon den Boden der außenpolitischen und persönlichen Darstellung zu nehmen, die er allerdings rhetorisch ebenso penetrant wie brillant zu behaupten verstand. In der Theaterversion hat es Lechtenbrink mit seiner volltönenden und dröhnenden Bassstimme zudem noch viel leichter als der originale Nixon. Er braucht nur einige Phonstärken mehr, um seinen Interviewer unhörbar in den Hintergrund zu stoßen. Ganz klar gehen in diesem Match die ersten Runden an den Ex-Präsidenten und seinen geschickt taktierenden Berater, der die Unterbrechungen der Aufzeichnung genau zu timen weiß und dessen Verstand Nixons Scharfsinn ebenbürtig ist. Beide sind zuversichtlich, dass verlorene Terrain zurück gewinnen zu können, denn mit der Wahl von Frost hatte sich die Gegenseite einen unterlegenden Partner erhofft, den sie rasch würde k.o. schlagen können, doch sollte dieser im Verlauf des Duells zu einem  ebenbürtigen Kampfhund werden.

Wie man aus der Geschichte weiß, endete dieser Schlagabtausch mit einem Sieg von Frost. Und mit einem Handschlag unter ebenbürtigen Gegnern. Der Ex-Präsident verlor alles, und doch wirkt er hier irgendwie erleichtert, als Frost und seine Gefährtin sich in Nixons Traumvilla in Kalifornien endgültig von "dem Golf spielenden Pensionär" verabschieden. Vielleicht war er letztendlich froh, von der Bürde der Lüge endlich entlastet worden zu sein. Jedenfalls bleibt er in der Gestalt Lechtenbrinks ein zwar politisch vernichteter Mann, aber ihm gehört nicht unsere Schadenfreude, sondern unser Mitleid und die nicht mehr zu beantwortende Frage, warum ein erfolgreicher Präsident zu derart üblen Mitteln greift, um an der Macht zu bleiben. Wohl eben deshalb. A.C.

So spannend dieses wahre Stück TV-Geschichte auch ist, so erschreckend bleibt doch die Art und Weise , mit der die Medien als dritte Gewalt im Staat ihre Macht ausgeweitet haben und wohl zuweilen auch missbrauchen. Sie können vor einem Millionenpublikum den Täter wie den Tatverdächtigen zu völliger Selbstaufgabe zwingen können - nicht immer gelingt dies zwar, doch der Verdächtige bleibt immer das Opfer. Und der Journalist als Detektiv und Ankläger maßt sich zunehmend eine Kompetenz an, die zuweilen wohl über das Maß der Anständigkeit hinausgeht.