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Germania Tod In Berlin von Heiner Müller
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Krank am Leid der Menschheit |
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Regie: Dimiter Gotscheff Bühne und Kostüme: Jens Kilian Musik: Bert Wrede mit: Margit Bendokat, Nele Rosetz, Katharina Schmalenberg, Almut ZIcher, Magne Havard Brekke, Robert Gallinowski, Christian Grashof, Jürgen Huth, Stefan Kaminski,Thomas Schmidt Musiker: Dietmar Diesner, Sebastian Hilken.
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Heiner Müller, der Heilige der sozialistischen Intellektuellen nach der Wende, lebte leider nicht lange genug, um sich auch an der neuen Welt zu entzünden. An Lungenkrebs bereits erkrankt, sog er unendlich trotzig an einer großen Zigarre, so oft man ihn sah. Bleich und mager, immer im deprimierenden Schwarz der Schauspieler, sah er sich bewusst als Mahner des Sozialismus und als Wahrer Brecht’scher Ideen, ohne zu merken, wie sich die Zeit und die Zeiten verändert hatten. Sein Blick und sein Sinn waren nicht auf die humanen und humanitären Aspekte des Lebens gerichtet; sondern er wollte weiterhin all die Schrecknisse an den Pranger stellen, die Kriege und Despoten, falsche Ideale und menschliche Gemeinheiten und Niedrigkeiten in 2000 Jahren hinterlassen haben. Das ist nicht wenig in der Geschichte der Menschheit. Wenn man alles bündelt, ist es kaum auszuhalten, und so nimmt es nicht Wunder, dass sich Müllers Leiden am Leid, das seinem und unserem Land Deutschland und besonders Russland im Allgemeinen und Besonderen zugefügt worden ist, verselbständigte. So hat das Deutsche Theater uns konsequenterweise einen Abend aufgebürdet, der gleich beide Stücke verbindet: „Germania Tod in Berlin“ und „Germania 3 Gespenster am Toten Mann“. Ziemlich schwierig, das alles ... Da ist in nicht endlosen, ungemein kompliziert verdüsterten Sätzen die Rede vom Tod, von Leichen, von Massakern, von Diktaturen und Diktatoren. Da gibt es den Preußenfriedrich, der auch der Große genannt wird, der gleichwohl ein gebrochener wie gebildeter Mann, geistreich und sarkastisch war, aber sicher niemals lächerlich. Aber da nimmt es die Regie nicht so genau: Wie Müller selbst verschluckt sich der Bulgare Gotscheff ziemlich heftig an der oft ins Alberne abrutschende Skizzierung der Täter, wobei er keinen Unterschied macht zwischen wahnsinnigen Massenmördern wie Hitler und Stalin und den mythologischen, machtvollen Nibelungen oder gar den Gott (Zebaoth), der seinen Sohn für die Menschheit den grauenvollen Opfertod sterben ließ. Cäsar und Napoleon nimmt er auch gleich mit auf in sein Leichenschauhaus der Geschichte. Denn die Erinnerung darf nicht zur Ruhe kommen: Kriege, Vertreibungen, Folterungen, Vergewaltigungen, Konzentrationslager und der Gulag, Tod auf den Schlachtfeldern, Tod überall... Im Deutschen Theater versuchen sich zehn Schauspieler und zwei Musiker auf einer schräg angehobenen kahlen Bühne, auf der sie nur dann und wann die Stühle umgruppieren, an den Texten Müllers – mehr oder minder schrill und pathetisch. Die Damen mit Kleinmädchenstimmen, die Herren lüsternd, flüsternd, aber hieb und stichfest in Agitation und Aggression. Es ist für alle ein sehr anstrengendes Unterfangen, das ohne Pause zwei und eine viertel Stunde lang währt. Es gibt Beifall – aber wofür? Für etwas, das Bert Brecht in viel dramatischerer, subtilerer Form unter die Haut geritzt? Für etwas, das andere Dichter und Autoren schon längst bewältigt haben, um sich den Problemen und Forderungen eines neuen Jahrtausends zu stellen. – Nein, Müller sagt nichts Neues, sondern er lässt immer wieder die Toten sprechen in einer ohnmächtigen, schonungslosen Leichenschau. Er kennt kein Pardon und erkennt keinen Ausweg an, vor allem fehlt ihm völlig die Gnade der tiefen Einsicht in die Schwächen und Stärken der menschlichen Natur – es gibt nur das Böse, Satan und seine Opfer...Alles ist Verrat; Müller wittert den Tod, das Verderben überall, es lauert und kauert in der Coca-Cola-Flasche wie im gesamten Kapitalismus- in einer um den wahren Sozialismus, um das Paradies betrogenen Menschheit. A.C.
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