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Geschichten aus dem Wiener Wald von
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Ein Wald voller Widerlinge
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Regie: Dimiter Gotscheff; Bühne: Jens Kilian; Kostüme: Barbara Aigner; Musik: Bert Wrede; Dramaturgie: Bettina Schültke; Licht: Olaf Frese; Maske: Andreas Müller;
Musiker: Monika Schönfelder (Hackbrett), Ulrich Bartel (Violine), Nordbert Grandl (Schlagzeug/Elektronik), Andreas Hirtler 8Tuba). Darsteller Peter Jordan, Gabriele Heinz, Margit Bendokat, Martin Bauer, Almut Zilcher, Sebastian Blomberg, Jürgen Huth, Horst Lebinsky, Fritzi Haberlandt, Christian Grashoff, Stefan Kaminski, Lotte Ohm. Kurz gefasst Von einer walzerseligen Romantik ist in Horváths Gesellschaftsstücken ohnehin nie etwas zu spüren; vielleicht hin und wieder in einem einschmeichelnden Wiener Dialektrest. Hier wird das Drama um die unglückliche Liebe des Mädchens Marianne inmitten einer niederträchtigen menschlichen Gesellschaft, der sie zum Opfer fällt, als kühle Farce gereicht. Die Fäden laufen durcheinander, die Figuren agieren wie wild tanzende bösartige Zwerge in einem Gemisch aus Kasperei und Klamauk. Mehr Struktur und eine zusammenhängende Personenführung täte der Transparenz des Stückes in dieser durchaus bemerkenswerten Inszenierung gut. |
An Stühlen hängen sie, an Stühlen kleben sie, auf Stühlen sitzen sie - jetzt und immerfort. Sie werden ihren Platz nicht verlassen, er ist unverrückbar, mag sich die Welt auch im Schleudertrauma um sie drehen. Ihr Herz wird sich verhärten, ihre Mitmenschen werden Opfer ihrer Missgunst, und ihrer Unfähigkeit zur Einsicht wie zur Weitsicht - sie bleiben Marionetten im weißen, kahlen Raum ihrer selbstgeschaffenen Hölle. Was Ödön von Horváth 1931 in Berlin zur Uraufführung brachte, ist in ein bitterböses Spiegelbild menschlicher Niedertracht in einer idyllisch verklärten walzerseligen Scheinwelt an der schönern blauen Donau. Denn in dem stillen Biedermeiergasserl wird geschlagen, gelogen, erpresst und gemordet - und das emanzipierte Mädchen Marianne, dass sich aus dieser Welt befreien möchte, wird letztlich das unschuldige Opfer dieser tristen Verhältnisse. Dimiter Gotscheff hat eine minimalistische Ausstattung geschaffen. Eine kahle weite Bühne, auf deren Terrain sich die Darsteller mit sich selbst beschäftigen, musikalisch nicht mehr von reinen Strauss- Schmankerln, sondern schrill und atonal, aufrührend und gefährlich begleitet. Die Akteure reihen sich immer mal wieder mit ihren schwarzen Stühlen am Bühnenrand auf, starren ins Publikum, bis ein instrumentales Donnergetöse (der hoch oben auf einem Gerüst thronenden Musike) diese zusammen gewürfelte Gruppe aus ihrer fotokinen Lethargie reißt und sie, an ihre Stühle geklammert, wie Rumpelstilzchen herumspringen lässt. Oh, wie gut, dass niemand weiß,... aber man kennt sie mittlerweile doch, diese Kleinbürger, Asozialen und Adeligen, diese Gauner und ebenso alerten wie feigen Schmarotzer. Die kahle Drehbühne ist umgeben von hohen weißen Wänden in einem Halbrund, das im Hintergrund zwei Türen freigibt, hinter denen sich ein einfacher Wohnraum bzw. ein leeres lichtdurchflutetes Außen andeutet. Das erscheint künstlich, weil sich ein Szenenwechsel ohnehin im Raum vollzieht. Regisseur und Dramaturg machen aus dem Drama eine dramatische Erzählung nach dem Vorbild und Abbild der Volksbühne, einen Roman, in dem Kapitel an Kapitel gesetzt wird, sich die Handlungsstränge mal überkreuzen, dann wieder nebeneinander oder ineinander laufen. Nur, dass sich die Farben nicht vermischen und die Entwicklung des Geschehens eher spotartig und äußerst distanziert angedeutet wird. Somit stehen alle Darsteller parallel und lautstark im Rampenlicht, und die leise Hauptgeschichte der Liebe zwischen Marianne und Oscar, die tragisch endet, ja innerhalb dieser Gesellschaft zwangsläufig so enden muss, tritt in den Hintergrund. Denn da ist die sich ständig lasziv räkelnde und windende Frau Valerie, eine nicht unvermögende Beamtenwitwe, die sich ihre Liebhaber nimmt und sie wieder fallen lässt, wenn sie ihr zu fad oder zu kostspielig werden, wie jetzt den Baron Oscar, der der Dame lästig wird. Almut Zilcher ist alles zugleich: begehrenswert, abstoßend, verführerisch und vernichtend. Stimm- und Körpereinsatz sind beträchtlich, bleiben jedoch vordergründig. Aber eigentlich ist sie nur eine typische Randfigur des Alt-Wiener Milieus, ein bisschen brechtgeschnitzt und den damaligen Gaunerliebchen nicht so fern. Sie tut so recht eigentlich nichts Böses - dafür ist die Großmutter des halt- und hilflosen Oscar zuständig, eine Teufelin: Margit Bendokat gibt dieser Baronin mit ihrer kindlich-monotonen Stimme durch doppelte Mikros eine Gemeinheit, die im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel schreit. (Allerdings bleibt sie dort oben scheinbar ungehört, wie so manches andere, daswas den Autor zum wütenden Angriff auf die Kirche animiert...) Oscars Mutter, ebenfalls im tristen Schwarz, von Gabriele Heinz hilflos und herb gezeichnet, kann sich gegen diese geldgierige Furie nicht wehren. Warum, bleibt unklar, wie hier überhaupt der klischeehaften Grobzeichnung gegenüber einer psychologischen Differenzierung der Vorzug gegeben wird. Noch am besten gelingt es Sebastian Blomberg als Oscar und Fritzi Haberlandt als Marianne zeitweilig wie Menschen aus Fleisch und Blut zu agieren: Fritzi Haberland darf in dieser Inszenierung als einzige so sprechen - besser: argumentieren - wie ein Mädchen der heutigen Zeit: mit all dem Selbstbewusstsein, dem Mut, der Freiheit, die sich unsere Welt seitdem erkämpft hat. Erschütternd ist ihr verzweifeltes Aufbegehren, sich aus diesem Schlammpfuhl, in dem man sie als "Tänzerin" hineingestoßen hat, herauszuwinden. Dass sie ein Spielball der Gemeinheiten, der Vorurteile, der männlich dominierten Sitten bleibt, hebt die Distanz hervor, aus der heraus wir heute das Stück betrachten müssen. Und dahinter mag dann doch die Aussage stehen, dass alle gesellschaftliche Freiheit nur eine Farce ist, wenn wir nicht auch weiterhin sehr wach und bewusst Vorurteile und menschenverachtende Einstellungen bekämpfen, wie sie zum Beispiel in orthodoxen Glaubensrichtungen und mancher Gesellschaftsordnung noch immer gelten. Sebastian Blomberg gibt diesem Oscar, der zwischen brutalem Widerling und feigem Weichling agiert, einige Glaubwürdigkeit, vor allem, wenn man die beiden Frauen betrachtet, die ihn wohl einst erzogen haben (oder auch nicht). Dass er Marianne und ihrer beiden Kind wie ein feiger Judas verrät, erschüttert um so mehr bei der Betrachtung seiner miesen männlichen Umwelt, die ihn in dies erbärmliche Korsett gezwängt hat. Die tödlichen Konsequenzen, die er mit seiner Weigerung, Verantwortung zu tragen, heraufbeschwört, begreift er wohl nicht einmal annähernd. Dass die mutige Marianne ihrer aller Opfer wird und fürderhin nichts Gutes zu erwarten hat, wird mit Peter Jordan als paranoidem Metzger auf so fiese Art deutlich, dass es einem den Rücken runterrieselt und man ihm die arme Marianne entreißen möchte. Sein Liebesversprechen gleicht der Androhung einer immerwährenden Folter. Im Reigen dieser charakterlichen Widerlinge nimmt sich der Rittmeister Horst Lebinskys wie ein Fremdkörper aus - er stammt aus einer anderen, noch viel älteren Welt, in der ein Aufbegehren sowohl der niederen Gesellschaftskreise als auch der niederrangigen Frauen gänzlich undenkbar war. Er hat noch nicht begriffen, wie sehr der kurzbehoste Pimpf auf seinem wackligen Stuhl bereits auch seinen Untergang ahnen lässt: Der junge Nazi Erich (Stefan Kaminski) steht mit ausgestrecktem Arm irgendwie albern herum und schreit schreckliche, meist unverständliche Parolen in den Raum; er wird getreten, tritt und schlägt aber nur verbal zurück, ein völlig Irregeleiteter - man wird in späteren Zeiten, etwa als Jurist im Dritten Reich, vielleicht noch von ihm hören... Vorerst ist er nur ein abgehalfterter Liebhaber. Und noch eine Randerscheinung, die zur Hauptfigur wird: Warum um alles in der Welt Christian Grashof als alter, verständnisloser Vater Mariannes die Feindseligkeiten gegen die Tochter dermaßen selbstgerecht schürt und warum er seinen Unverstand derart ausspielt, dass er zeitweilig zur personifizierten Tragödie wird, bleibt unklar. Er verläuft sich als irre gewordener Zauberkönig mit solch seniler Tattrigkeit, dass man lediglich als nervende Karikatur wahrnimmt. Schade, denn damit kappt er zeitweilig roten den Faden des Stückes, der ohnehin durch sehr viel Klamauk und verwirrender Einschübe zu zerfasern droht. Überhaupt täte zum durchgängigen Verständnis der Geschichte(n) mehr Strukturierung gut, weniger Geschrei, denn die Inszenierung ist ja nicht für Hörgeschädigte gedacht (könnte aber zur Taubheit beitragen!) Das Konzept des Nebeneinander der Handlungstränge mag anderswo aufgehen - hier trägt es zur Langatmigkeit bei. Eine Stunde weniger, und mehr Struktur - dann wäre das eine gültige und bewegende Adaption einer bösen Zeit- und Gesellschaftskritik. A.C.
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