Glaube I: Die Bibel

von Schauspielern des Studiotheaters 

Eine Sinnsuche in fünf Teilen

Teil IV: Die Propheten

 

  Die etwas andere Bibelstunde:

Das Paradies ist noch fern

   

Maxim Gorki Studio

Leitung Bruno Cathomas

Raum und Kostüme: York Landgraf

Mit Anja Fischer, Bettina Hoppe, Niels Baumann, Bruno Cathomas, Thomas Müller, Christian Sengewald und Gästen

 

Glaube II: ... und der Zukunft zugewandt... ( 14.1.bis 15.5.2005)

 

Kurz gefasst

Ich sah den vierten Teil dieser anderen Art, Bibelforschung zu betreiben, und trotz aller Skepsis sollte man sich mindest einige der zahlreichen "Bibelstunden" zu Gemüte führen. Es ist durchaus beeindruckend, wie man die kraftvollen Bilder der mythologischen Menschheitsgeschichte in einen sinngebenden Prozess mit der heutigen Zeit zu verknüpfen versucht

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Was sich hinter all diesen biblischen Andeutungen verbirgt, ist weder ein blasphemisches, noch ein extrem frommes Konzept. Eher versuchen die jungen Darsteller, und mit ihnen ein überwiegend junges Publikum, Abend für Abend verschiedene Geschichten des Alten Testaments zu hinterfragen und in unsere Zeit zu übertragen. Ihre Mittel sind natürlich nicht die ernsthaften dramaturgischen Formen - obwohl viele Szenen durchaus einen starken Eindruck hinterlassen, sondern eine leichtfüßig daherkommende Spielvariante der Soap, ein bisschen albern, ein bisschen flippig, außerordentlich textstark und lässig, frei in der Einbeziehung des Publikums.

Diese Besprechung bezieht sich auf den vierten Teil dieser anderen Art, Bibelforschung zu betreiben. Trotz aller Skepsis, sollte man sich trotz der kurzen Spielzeit (1 Stunde)mindest einige ausgewählte Themenabende zu Gemüte führen. Es ist durchaus beeindruckend zu sehen, wie man sich diesem Thema nähern kann. Erstaunlicherweise hat dies Projekt eine außerordentliche Anziehungskraft.

Da treten abwechselnd zunächst drei der alten Propheten aus ihren Einsiedlerzellen hervor, bleiben aber im Türrahmen stehen und führen uns ihre Visionen vor Augen: Sendungsauftrag und Prophezeiung des schrecklichen Untergangs aller Umwelt-Sünder,dann die Selbstkasteiung und Geißelung des ewig Suchenden und schließlich die lässig-leichte Variante des Verkünders, der intellektuell längst über seine Zeit hinausgehoben ist, mehr Philosoph als Prophet. Dazwischen zieht eine moderne Protestlerin mit Megaphon und Rucksack durch den Raum, den Tod der Wale anklagend, die sich in den riesigen Treibnetzen der Fischer verfangen...

Wie passend ist es da, die Geschichte von Jona zu erzählen, der, über Bord gefallen, vom Wal verschluckt und durch Gottes Fügung an Land wieder ausgespien wird - wie schrecklich ist es aber im Inneren eines solchen "Müllberges", wie gräsig der Gestank im Walbauch, wie grotesk und doch wundersam letztendlich die Rettung des Fischers? Ob nun der übliche Freddy-Song "Junge, komm bald wieder" da der optimale Begleitsong ist, mag dahingestellt sein, aber er hat als Jux seinen eigenen Platz. Vielleicht wäre es spannender, die Auswirkung dieser Jona-Geschichte auf die sogenannte christliche Seefahrt zu erzählen: Seither wurde nämlich, wenn an Bord eines Seglers sehr viel Malheur geschah, einer der Schiffsleute (meistens der Unbeliebteste oder Ängstlichste) dafür verantwortlich gemacht und kurzerhand ins Wasser geworfen. Dann war man das Unheil los. "Wir haben wohl einen Jonas an Bord" ist noch heute unter alten Fahrensleuten die gar nicht so spaßig gemeinte Erklärung, wenn einiges schief läuft...

Dann tritt David auf, dem in der Löwengrube, während er ein letztes Mal zu Gott betet, schier un-glaubliche Kraft zuteil wird: Er bändigt die wilden Bestien, die sich ihm zu Füßen kuscheln und hat für kurze Zeit das Paradies vor sich. Dem christlichen Mythos stellen die Schauspieler mit einer modernen Begebenheit eine kritische Betrachtung gegenüber: Siegried und Roy, die großen Entertainer-Dompteure in Las Vegas, erlitten mit ihrer Schein-Harmonie zwischen Tier und Mensch einen herben Rückschlag, als einer der weißen Tiger Roy erheblich verletzte. Hier wird die letzte Gewissheit in Frage gestellt, der Zweifel zugelassen, der uns immer wieder ob der wunderschönen biblischen Geschichten überfällt; letztlich auch gilt der Slash als Warnung vor zu viel leichtfertiger Gläubigkeit (an unseren technischen Fortschritt beispielsweise).

Es geht so weiter: Worte der Propheten, Bestrafung der Ungläubigen und auch des auserwählten Volkes, das von seinem Gott abgefallen ist, dann wiederum Verheißung der Möglichkeit einer besseren Welt und tröstende Worte an die Armen und Unseligen - alles ernsthafte und ernstgenommene Zitate aus dem Buch der Propheten. Und wenn es sich "ausprophezeit" hat, der Gläubige zum Spielball menschenvernichtender Machtansprüche einer einzelnen Glaubensgruppe wird? Erstaunlich, mit welch leichter, ja sicherer Hand diese tödliche, täglich sich abspielende Konsequenz des Terrors von den Schauspielern dargestellt wird!

Alles wird in Parentese zu den menschlich-möglichem, zu tatsächlichen Verhaltensweisen gestellt, und das nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern in vielfältiger, phantasiereicher Gestaltung. Nicht immer ist alles gut und passend. Aber der Versuch, sich mit den immerwährenden Themen der Menschheit zu befassen - mit dem Glauben an das Gute im Menschen und in unserer Welt - und dazu als Vorlage das Buch der Bücher zu nehmen und im ironischen Sinn zu hinterfragen, das ist ein "gelungener Selbstläufer", wie eine Mitarbeiterin des Theaters es stolz formulierte. A.C.