Goebbels

 von
Oliver Reeese

 

Für die Nachgeborenen

 


Uraufführung am 28.5.2005

 Deutsches Theater
Kammerspiele

Regie:  Oliver Reese

Bühne: Hansjörg Hartung und Kostüme:  Elina Schnitzler
 

mit:  Ingo Hülsmann, Alexander Khuon, Frank Seppeler, Thomas Schmidt

 

 

 

 

 
 Was kann den bereits als Kölner Intendanten (ab 2009) nominierten und noch-Chefdramaturgen des Ostberliner Deutschen Theaters, Oliver Reese, dazu bewogen haben, diese entsetzlich konfusen,   diabolischen Tagebücher des schlimmsten Volkstribuns aller Zeiten - nämlich des NS Propagandaministers Joseph Goebbels - für die Bühne zu "bearbeiten"? Sicher, zum einen die Renaissance einer neuen Aufarbeitung des Dritten Reiches und damit zugleich auch die Wiederbelebung des Grauens, an dem sich seit der Vereinigung beider deutschen Staaten vor allem die immer schon heftig mit der deutschen NS-Vergangenheit hadernden neuen Gutmenschen intensiv wundreiben. Aber vielleicht auch die paranoide Persönlichkeitsstruktur eines Mannes, dessen Einfluss auf die deutsche Politik so verheerend gewesen ist. Wann aber läßt sich Wahn von Nationalismus, wann blinder Hass von leidvoller Minderwertigkeit trennen, wann vermag der wache Zeitgeist zu erkennen, wie nah da ein einflußreicher Mensch am Abgrund unserer Ethik und Moral balanciert und uns seinen wütenden, irrationalen Willen aufdrückt?
Das ist Reese schon vor allem in der Aufteilung des Parvenus und  Menschenverächters Goebbels in vier Personen, in vier sehr unterschiedliche Charaktere gelungen. Alle vier vereint zwar der gleiche blinde Wahn einer "völkischen" arischen Rassenideologie, aber sie eignen sich vorzüglich zur Differenzierung der verschiedenen Lebensphasen und -bereiche dieses Mannes, der eigentlich im Grab des Vergessens bleiben sollte - wie viele anderer seiner Gesinnungsgenossen auch!  Dieser Goebbels ist ein Mann voller Gegensätzlichkeiten: Verstand contra Emotion, lebens-, macht- und liebeshungrig, aber zugleich depressiv, sich duckend und beugend, aufbrausend und gewalttätig, größenwahnsinnig und minderwertig, naiv und besessen - ein Gartenzwerg, der sich in seinem Spiegelbild zum Riesen erhebt!
Thomas Schmidt fällt die Aufgabe zu, den von seiner Umwelt nicht nur wegen seiner Gehbehinderung verachteten Jungen in der verworrenen Reflektion seiner Außenseiterposition darzustellen - als einen sinnlos und schizophren daherpalavernden, mit sich selbst und der Welt hadernden Heranwachsenden. Ohne Luft zu holen, in stimmlich geradezu monströs schwankenden Satzschwaden zerfetzt Schmidt die furchtbaren Erkenntnisse und Selbsterkenntnisse Goebels'. Mit stechendem, halb irren Blick stößt er blitzschnell derb-dumme Phrasen hervor, die ebenso absurd wie verwirrend als gedankliche Kaskaden eines menschenverachtenden Weltbildes im luftleeren weiß glühenden Raum hängen bleiben, nur dann und wann von sentimentalen Walzerklängen ins Lächerliche geführt.

Den Abschweifungen, Ausschweifungen, den ungeordneten Gedankenfetzen, die gleichermaßen äußerliche wie innere Desorientierung mit Anflügen von Größenwahn des frühen Goebels/Schmidt offenlegen, folgt und geleitet sich parallel Alexander Khuon dazu als der feine, zartfühlende, liebende, Frauen und Kaninchen streichelnde Gegenpart, der seine erste Visionen für eine   reinere Welt mit glühendem Fanatismus und auch heute zum Teil durchaus noch aktuellen Gedanken formuliert. Frank Seppelter ist der forsche Adjutant des Führers, unkritisch und blind eifernder "Untertan", der in der Clique des Führers Millionen von Menschen in Krieg, Verderben und Tod schicken sollte. Und dann der elegante Künstlertyp Ingo Hülsmann: selbstherrlich, nun rhetorisch ungebremst in der Sicherheit seiner Macht, Parolen gebietend, einhämmernd, ein Meister aller kriegstreibenden und volksverhetzenden Propagandatricks. Die proletarischen, ungebremsten Ausfälle überlässt er dann seinem Alter Ego, der ein Mephisto sein könnte - wer sollte sich da nicht auch an Hülsmann's Faustmonolog erinnert fühlen?

22 Jahre hat Joseph Goebbels Tagebuch geführt, um sich und seinem "Reich" ein glorreiches Denkmal für die Zukunft zu setzen. Aus den 14 000 Seiten, die erhalten geblieben sind, hat Reese versucht, eine Analyse zu ziehen und zugleich auch eine Antwort auf die noch immer offene Frage zu finden, wie solches Regime hat herrschen können, in dem er den Biografen sich in seinem schrecklichen, hasszersetzten Selbstpalaver selbst sezieren läßt.

Geschichte läßt sich so darstellen - vor allem für die "Nachgeborenen". A.C.