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Gretchens
Faust
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Dieser Faust ist ein Teufel
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Inszenierung: Martin Wuttke, Bühne: Marc Bausback, Kostüme: Wicke Naujoks, Chorleistung: Christine Groß; Dramaturgie: Anna Heesen mit: Anke Engelsmann, Marie Löcker, Inka Löwendorf, Charlotte Müller, Christina Papst, Ewa Rataj, Gitte Reppin, Janina Rudenska, Ninja Stangenberg, Cornelia Werner, Martin Wuttke |
Noch immer steht diese Inszenierung im Spielpan und wird von einem Publikum gefeiert, dass wohl eher zu den Freunden des Schauspielers Martin Wuttke zählt als zu den reinen Goethe-Verehrern. Denn Wuttke hat durch jahrelange Arturo-Ui-Adolf-Hitler-Identifikation in der Volksbühne und am Berliner Ensemble einen Stil gepflegt, der wohl letztlich doch auch der seine ist: hart zerreißend, unerbittlich-brutal die Stimme, ganzheitlich der artistische Körpereinsatz, bis in den letzten Nerv gespannt voller Konzentration, so dass ihn schon ein Hüsteln aus den Zuschauerreihen irritiert. Er selbst allerdings darf husten, dass die Lungen platzen: als zappeliger, ungestümer, unausgeglichener Wissenschaftler Dr. Faust, der kettenrauchend Qualm in den alten Foyersaal pafft und dabei zwischen Leben und Tod um die letzte Wahrheit ringt. Am Ende des langen dunklen Tisches sitzend, über zwei staubigen Folianten brütend, sich das Hirn zermarternd, kämpft er mit und gegen den Teufel, den er gleich selber spielt; denn von Anfang an gleicht dieser Faust mehr einer zersetzenden Kraft als einem um Seinsfindung ringenden Menschen. Was die Gretchenriege, die hier im Neunerpack auftritt und die einstmals berührenden Liebes- und Leidensmonologe abskandiert, an diesem unangenehmen Menschen findet, erhält in dieser Distanz eine andere Qualität. Liegt doch wahrlich kein Liebeswerben mehr in dieser Stimme, die scharf wie ein Schlachtermesser alle Bande durchtrennt, die ihn, Faust, bisher noch mit der Menschheit verband. Sein Werben unterliegt der hungrigen Wollust, der schnellen Befriedigung nicht zu stillender Lebensgier. Bereits jenseits aller Normalität, aller ehrlichen Suche nach der Weisheit letztem Schluss, nach Liebe und Anerkennung, verkonsumiert er die Luft wie die Frauen; ein Rast- und Heimatloser, ein Opfer der dunklen Triebe. Im wilden Galopp prescht er über Verse, verschluckt sich sich an Inhaltsschweren Gedanken und nicht verdaulichen Wahrheiten. Alles in allem eine mißtönende egozentrische Faust- und Nabelschau, die zwar mit absurden Gags à la Volksbühne aufgelüftet werden, aber eher als Störfaktoren in der tragischen Geschichte um Mann und Mädchen, um Hingabe und Verweigerung, um Moral und Geist. Nun, das Gretchen hat ja viele Schwestern, Leidengenossinnen, Schicksalsgefährtinnen durch viele Jahrhunderte hindurch - und auch heute noch in nicht wenigen Gesellschaften unserer Welt. Hier zeigen die kurzberockten Mädchen, die auch schon mal als Serviererinnen flott die Tafel auf- und abräumen, Geschlossenheit in ihrem Trotz und Stolz! Indem sie ihre Wehrhaftigkeit als antiker Chor demonstrieren, disharmonisch, aufbegehrend, kreischend, antimelodisch und aggressiv - zeigen sie, dass sich ihr Widerstand gegen ihre Jahrhundertelane Opferrolle formiert hat. Letztendlich aber ist dies eine Inszenierung, die den alten Goethe-Faust ein anderes, brutaleres Gesicht gibt; Fast ist nicht mehr das fehlgeleitete von Mephisto betrogene Lamm, sondern er trägt selbst das teuflische Antlitz! Und doch steht ihm letztlich immer wieder das ewig Weibliche, das ihn bei Goethe von allen Sünden erlöst, auch hier in Gestalt einer Schauspielerin (Anke Engelsmann wunderbar unnahbar und doch wie ein schwarzer Schutzengel greifbar präsent) machtvoll und stumm zur Seite. Am Ende sucht er, klein und hilflos, auf ihrem Schoß Schutz. A.C.
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