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Gross und Klein von Botho Strauss |
Gegen die Wellen des Ozeans: Mir fehlt doch nichts! |
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(Uraufführung 1978 an
der Schaubühne am Halleschen Ufer) Regie: Barbara Frey; Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Gesine Völlm, Wiebke Waskulat, Dramaturgie: Bettina Schültke
mit: Nina Hoss, Margit Bendokat, Meike Droste, Friederike Wagner, Matthias Bundschuh, Christian Grashoff, Frank Seppeler
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Da will etwas herausbrechen, aus dieser Haut, aus diesem Leben; jede Faser ihres Körpers signalisiert diesen unbezähmbaren Drang: die Glieder zappeln und zerren, beugen und verbeugen, verrenken sich in permanenter Unruhe; das ist kein hyperaktives, hypermotorisches Wesen, sondern ein unglückliches, schwerkrankes, vereinsamtes Menschenkind, das gegen einen unbezwingbar hohen Wellenberg ankämpft. Noch lacht und scherzt diese Lotte, eine junge, gerade von ihrem älteren Ehemann verlassene schöne Frau, die völlig aus dem seelischen und sozialen Gleichgewicht geworfen ist. Nina Hoss spielt nicht, sondern ver-körpert sie im wahrsten Sinne des Wortes, indem sie aus der Vereinsamungsfiktion von Botho Strauss einen Menschen aus Fleisch und Blut macht, den kühl sezierenden Verstand in Wärme und Blut verwandelt. Vielleicht ist sie wirklich eine der 36 Gerechten, zu denen sie sich wahnhaft erhebt?! Denn da sie am Ende gegen den allgewaltigen, mächtig-unbeugsamen Gott des Alten Testaments ankämpft, darf, ja sollte man Strauss und seiner Lotte schon die ehrliche Suche und den Drang nach einer Gott-Vaterfigur zugestehen, die alles heilt, erklärt, richtet und schützt. Doch bevor Lotte endgültig abgleitet
in die Welt des Wahns, der Auflösung, der Abtrennung von allen
abstrakten und abstrusen, nicht minder abwegigen Verhaltensmustern ihrer
Umwelt, versucht sie, sich mit letzter Kraft aus der Isolation zu
befreien; ihr Plappern, ihr Resümieren, ihr Reflektieren über Wörter,
Menschen, Paare und deren Verhaltensweisen im ersten Kapitel
"Marokko" ist zunächst ein Austausch mit sich selber: rücklings auf einem Stuhl
zappelnd, zwei Männer vor dem Fenster beobachtend und fern ihrer zerstrittenen Reisegruppe, mit der
sie durch das Land tourt; Ihr, Lotte, ist es langweilig, eingeschlossen
mit sich und ihrer Menschenphobie. Doch dann wandert Botho Strauß mit
ihr und seinen Beobachtungen von "Paaren und Passanten" zurück in ihre
kleine Welt und Nachbarschaft des Wohnhauses, leuchtet hinter die
hermetisch verschlossenen Türen, die sich hin und wieder öffnen lassen
und einen vorsichtigen Blick freigeben. Da sitzt ein Mann (Frank Seppeler) die ganze Nacht wartend, sinnierend am Bett seiner schlafenden
Frau (Friederike Wagner) die seine Verzweiflung nicht sieht. Lotte späht
durchs Fenster, nimmt unbefangen und überdreht Kontakt auf, kleidet die
verstörte Frau in Worte und schöne Garderobe, weckt ihre Sinne und
Sehnsüchte bis der Ehemann sie zur Räson bringt, sie wieder eingrenzt in
die eigene unverstandene Strenge und Abgeschiedenheit, sie wieder zum
Verzicht auf ihre Persönlichkeit zwingt, die, würde sie sich entfalten
dürfen, wohl von ihm fortflöge und ihn allein zurück ließe! Und da ist ein Mann (Seppeler) ein junger Mann, von Beruf Kristallograph, dessen Herz längst zu einem ätzenden Metall geworden ist. Da ist die Frau, die Concièrge, kühl, sachlich, fern aller Freundlichkeit; und da gibt es dieses seltsame, mittlerweile 17 Jahre alt gewordene Kind, das von den Eltern verlassen wurde, sich unter einem Zelt vergraben hat und der Welt seinen Anblick und jeglichen Kontakt verweigert. Lotte wandelt wie Alice im Wunderland durch diese fremdwesenartige Szenerie, läßt ihre ganze Liebe über den teilnahmslosen Bruder (Matthias Bundschuh) fluten, der auf der Nordseeinsel sein für ihn sinnloses Leben mit einem Tick und einem Geheimnis fristet und die übrige Familie wie eine Variante von Gorkis "Sommergästen" heraufbeschwört - mit einer Alkoholikerin (Meike Droste), einem tumben und viel zu lauten Greis (Grashof) und einem verlotteren, sexuell gestörten Schwager (Seppeler). Beinahe atemberaubend ist die Szene, in der Lotte nacheinander alle Klingelknöpfe eines Mietshauses drückt, um eine frühere Freundin unter einem alten Namen zu finden - als letzten Zufluchtsort... Durch die Sprechahnalge erhält seltsame Antworten von fremden Menschen, die gut abgeschirmt, der keine Annäherung gestatten. aber durch ihre Worte ein umfassendes Psychogramm abgeben! Abweisend, fremd, kalt, begehrlich, dann, endlich die erhoffte Stimme: eine fremd gewordene, unangenehme, abstoßende, schizophren-sadistische Begegnung - ein weiterer Stein auf ihrem Leidensweg. Als sie endlich einen jungen Mann trifft, der sie trotz allen befremdlichen Verhaltens ( sie fischt alte Zeitungen aus dem Mülleimer!) annehmen möchte, dreht sie sich um und wankt erschlafft mit gekrmmten Gliedern davon, es ist zu spät für eine letzte echte Begegnung. Denn eigentlich lebt sie schon nicht mehr in dieser Welt. Endgültig ver-rückt sich ihr Wesen dann in der Atmosphäre der Verwaltungsbürokratie, wo sie sich in einem letzten Akt der Anpassung verbissen zu behaupten versucht, um dazuzuhören: durch Leistung, durch Überanstrengung, doch da revoltiert ihr Geist endgültig, bäumt sich die Psyche auf, verdreht und verkehrt die äußere Ordnung sich in ihr Gegenteil, Wahn und Witz begegnen einander und reichen sich höhnisch die Hände. Überhaupt ist diese Inszenierung
ausgesprochen heiter - eine menschliche Komödie, hinter der die Tragödie
der Einsamkeit aber offen zutage tritt. Wer das nicht sehen kann, wird mit
diesem Stück nicht viel anfangen können. Denn "Groß und Klein" meinen
diese Begegnungen, sind Verwandlungen, sind Momentaufnahmen, die sich
wie die zu einem existenziellen Puzzle zusammengefügten Short Cuts eines
Raimund Chandler aufbauen; scheinbar getrennte Schicksale, die aber ineinander hineinwirken, mit einander auf zufällige Art verbunden sind,
im Realistischen wie im Visionären aber letztendlich aneinander
vorbeiziehen.
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