Heaven

von
Fritz Kater

 

 

Bildungsfetzen zum Katerfrühstück

 


Maxim Gorki Theater

Eine Koproduktion mit dem schauspielfrankfurt

Regie: Armin Petras (Fritz Kater Pseudonym);
Bühne und Kostüme: Patricia Talacko/Bernd Schendier
Musik: Ingo Günther
Video: Niklas Ritter
Licht: Norman Plathe
Dramaturgie: Andrea Koschwitz

mit:

Peter Kurth, Susanne Böwe, Ronald Kukulies, Fritzi Haberlandt, Yvon Jansen, Max Simonischek, Juliane Pempelfort/Anika Baumann

 

 

 
  
Wolfen - eine Stadt im Sterben; bitterer als Bitterfeld, einsamer als Eisenhüttenstadt, verlassen von allen guten Geistern; Geldgeber haben nie hierher gefunden, das große Fressen ist ausgeblieben. Schutt und Asche, Abriss der Plattenbauten, die doch Heimat waren für viele, heute noch für wenige, wie für die in trügerischer Liebe zusammengehefteten Eheleute Helga und Königsforth. Sie: eine arbeitslose Fotolaborantin (Susanne Böwe als schlichte liebe Seele)  und er: ein liebesenttäuschter Psychiater (Peter Kurth: in jeder Pose bühnenpräsent). Ein Paar, aber kein glückliches. Sie schleppen eine riesige Matratze aus dem Haus, das bald abgerissen wird; eine neue Bleibe ist nirgendwo in Sicht. Sie wollen sich das Leben nehmen, aber auch das geht daneben. Nichts will mehr gelingen; die Analyse, die der Mann mit dem seltsamen Namen Königsforst an der kleinen Suizidalen Simone (Fritzi Haberlandt wie stets keck, kindlich, unbefangen) versucht, verunglückt ebenfalls. Statt dessen beginnt er mit ihr ein Liebesverhältnis. Kleine Mädchen hat er schon immer gemocht, seitdem seine Tochter Sarah (Yvon Jansen) Ballettunterricht hatte... Auch das war ein Markenzeichen der alten DDR: Kinder zu Sport und Tanz, Menschen in engste Behausungen, alle und alles unter Kontrolle; vor dem Werk ein Denkmal der vorbildlichen Arbeiterin; Erinnerungen an große Wissenschaftler in früheren Zeiten. Mit den Gezeiten fortgespült, der Glanz nur noch in den vagen Erinnerungen. Die Glorie von gestern als Hülle, auch wenn es nicht die eigene ist.

Zu Beginn stellt sich Anders vor, der junge Architekt mit großen Visionen, Häuser, die so ungewöhnlich, so wunderbar sind, dass sie eine neue Menschheit hervorbringen müssen! Er wird fortgehen, auswandern, nach Amerika, in die Welt, wo man auf ihn wartet, wie er meint. Er wird die kleine Braut Simone verlassen und eines Tages als es viel zu spät ist, zurückkehren, als gebrochener, kranker, todkranker Mann. Blutüberströmt, versehrt, ein spät heimgekehrender Verlorener (Max Simonischek sprachlich beeindruckend).

In einem seltsam beziehungslosen Reigen fügen sich inszenatorisch verschiedene, grausame, betuliche, erschreckende Bildsequenzen aneinander ( aber nicht ineinander!), begleitet von einstürzenden, sich verschiebenden Hauswänden auf der Videowand. Im schmalen Schacht verkriechen sich die letzten Bewohner, Simone und ihre Brüder - der verträumte Robert, der mit leeren Plastikflaschen handelt und sich ein Wunder erhofft (Ronald Kukulies mit Anlehnung an "Halbe Treppe" ), und der kleine Micha, der stumm  in seiner Welt des ohrenbetäubenden Rap und visuellen Horrors lebt. Sie alle sind seelisch verletzt, psychisch ausgeblutet. Aber sie wollen nicht fortgehen, denn sie sehen keine Perspektive, wagen aber auch nicht den Weg in eine andere Zukunft. Der Autor läßt ohnehin keinen Zweifel an der Aussichtslosigkeit jeder Eigeninitiative und macht dies sehr drastisch in der Figur des Anders deutlich, den er zugleich als bösen schwarzen Raben unheilbringend ins Spiel bringt.

Die Choreographie hat opernhafte Züge; die Szenen springen und wechseln zu immer neuen Ufern. Dazwischen die Erinnerungen der Alten: An Marietta Blau (1894-1970), die einst dank der Entwicklung einer speziellen Filmemulsion die sternenfömig auseinander fliegenden Teilchen einer Kernzertrümmerung sichtbar machte. Autor und Regisseur Petras/Kater möchte diesen Gedanken auf die "Zertrümmerung einer Lebenslandschaft und deren Folgen" übertragen. Er bezieht die dänische Insel Hven (Heaven) mit ein, auf der eines der ältesten europäischen Observatorien steht; er registriert und kritisiert den Auf- und Umbau des Ostens, er befragt - ergebnislos - die Psychotherapie ob der Hilflosigkeit jener Menschen, die noch immer draußen vor der Tür stehen; er könnte die Musik sprechen lassen, verzichtet aber in der blass-neurotischen Figur der Cellistin Sarah darauf,- und er versucht sich an einer äußerst komplizierten Metapher, nämlich der des Raben, der hier den Höllenhund spielt und den kleinen Micha in den Tod reißt, um den Mythos von Tristan und Isolde zu vergegenwärtigen.
Ob das nicht alles sehr weit hergeholt ist, und die zahlreichen Ideen einmal mehr Purzelbäume schlagen, jedoch dabei keine Zeit gehabt haben, zu einem reifen dramaturgischen Konzept zu finden - das möge jeder selbst beurteilen. Denn es scheint nicht so einfach möglich, verschiedene Bildungsfragmente zu einem einheitlichen Bühnenspektakel zusammenzufügen.  A.C.