Heiss

von 
Jon Fosse

 

 

Manche mögen's heiss - 

aber das Spiel ist aus  

 

   

Uraufführung
aus dem Norwegischen von 
Hinrich Schmidt-Henkel
Eine Auftragsarbeit für die

Kammerspiele des Deutschen Theaters

 Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphanie Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno P. Jiri Kraehahn
Dramaturgie: Katja Friedrich
Licht: Olaf Fresse
Maske: Karin Polze

mit:

 Anne Ratte-Polle: Die Frau
Wolfram Koch: Der eine Mann
Christian Grashof: Der andere Mann

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  Das Publikum nimmt - wie in der Philharmonie - auf zwei einander gegenüber liegenden Tribünen Platz. Nur, dass die kleinere Seite gleißend hell und zudem noch im grellen Weiß bestuhlt ist. Dort sitzen die Zuschauer nicht ganz so dicht, mehr zufällig gruppiert. Lange herrscht Schweigen, ein Abtaxieren der Gegenseiten: Was wird passieren? Da plötzlich ertönen zwei Männerstimmen aus der hellen Front. Sie begrüßen einander wie Leute, die einander lange aus den Augen verloren haben und sich nun an einen bestimmten Zeitpunkt ihrer früheren Begegnung zu erinnern versuchen. Unsicher allerdings, ob und wann sie sich begegnet sind. Das geht eine ganze Weile so, während sich die Zuschauer auf ihrer Seite langsam entfernen. Statisten also. Ihre Bedeutung, ihre stumme Anwesenheit wird man erst sehr viel später mit einem leichten Schauder erraten.

 Denn die spannungsreich aufgebaute Inszenierung von Jan Bosse ( Ein Zufall? Nur zwei Buchstaben aus dem Namen des Autors sind vertauscht!)   lässt diese beiden Männer, die sich mühsam und zuweilen sogar etwas feindselig zu erinnern versuchen, nicht gerade glücklich erscheinen: Als ob sie um etwas ringen, was tief vergraben ist, nicht wirklich sein darf und das sie doch auf das Engste miteinander verbindet. Für ewig sogar - denn der Tag, an dem sie sich begegneten, hat kein Datum: es war ein heißer Sommernachmittag am Kai. Sie wissen nicht, warum sie sich jetzt hier treffen, an diesem bekannten und doch so fremden Ort in einer Zeit, die nicht Vergangenheit, nicht Gegenwart ist, sondern irgendwo dazwischen liegt - zwischen Sein und Nichtmehrsein, zwischen einem Nachmittag und einer Ewigkeit, zwischen Leben und Tod!

Zwei Menschen im Zwischenreich: Eine Farce, ein Spiel, ein flüchtiger Gedanke – früher schon von Dante erdacht, nun  von nordischer Introvertiertheit geprägt, jedenfalls vertraut mit dem absurden Theater Ionescos (und den vielen Stühlen humorvoll untermalt!) sowie von der Philosophie Beckett's beeinflusst - in so vielen Facetten spiegelt sich dieses wortkarge Stück! Denn man kann dem Autor nun nicht gerade Geschwätzigkeit in seinen Dramen nachsagen. Er ist ein Mann der sparsamen Worte und Handlungen. Es ist die Einsamkeit des Endspiels, der man hier begegnet, aber es ist nicht an Ort und Zeit gebunden. Es ist das immer präsente Schicksal, dass auf alle jene wartet, die zwischen Erlösung und Verdammnis, zwischen Glücklich- und Unglücklichsein, auf etwas Unbestimmtes warten – und das zur Reflektion über das Leben und die Liebe führt und was danach sein wird.

Mit dem Auftritt der Frau verdichtet sich die Begegnung der beiden Männer und erhält ihren Sinn. Beide haben sie einst hier, an diesem Ort, die junge Frau kennen gelernt: am Kai, an dem heißen Sommernachmittag, als sie, verführerisch schön, in einem schwarzen Badeanzug in das Meer tauchte und anschließend die Geliebte und Ehefrau wurde. Nur die des einen oder auch des anderen? Oder sind beide Männer eine Person? Wiederholte Zweifel begleiten das zermürbende Erinnerungsspiel, in dem jedes Mal, mit jedem neuen Erinnerungs-Anlauf, mit jedem weiteren Denkversuch, Licht in das Dunkel des Damals zu bringen, eine weitere Blockade entsteht, ein Nicht-Mehr-Weiter-Können. An einer  entscheidenden Stelle stockt der Ablauf der Wiederholung: Wo die Begegnung zur Liebe führt, zum Leben, blendet dieses Zwischenreich aus. Hier ist das quälende Ende - das Spiel beginnt  erneut. In neuen Runden, aber Worte und Wiederholung sind begrenzt; denn das Gemeinsame ist die Vergangenheit.

Die verführerisch schöne Anne Ratte-Polle verdreht immer wieder den beiden Männern den Kopf, die mittlerweile sehr viel älter als ihre jung gebliebende, jung erscheinende Liebe sind. Eine Qual mehr? Sie turnen über Stühle und Stufen, berühren einander, aber jäh unterbricht ein inneres, nicht be-greifbares Gebot jede weitere Annäherung, der letzte Schritt wird niemals mehr erfolgen. "Wo sind wir hier?" fragen sie alle drei von Zeit zu Zeit erstaunt ob dieser Begegnung. Und es hätte nicht des Flammensymbols auf dem Pullover von Wolfram Koch bedurft, um zu begreifen, dass man verdammt nah an der Sartre'schen Hölle vorbeischrammt. Es ist zwar höllisch heiß, aber die Menschen sind einander liebevoll zugetan, sieht man von der Rivalität der beiden Liebhaber einmal ab. Dass Christian Grashof irgendwie die schlechteren Karten bei der jungen Schönen hat, die den "einen Mann" deutlich favorisiert, lässt noch auf eine recht lebendige Variante in diesem Zwischenreich hoffen. Vielleicht greift sich Grashof deshalb so oft an den Gürtel und in den Schritt. Es nützt ihm nichts. Die Hähne haben ausgekräht, denn am Ende sitzt die Angebetete wie Andersens kleine Meerjungfrau, die Beine verschränkt und erotisch nicht mehr erreichbar, auf einem Stuhlthron. Nun kehren auch die anderen Menschen, die man zunächst für Zuschauer hielt, (wieder sichtbar) in das Zwischenreich zurück.

Das Spiel ist aus. Es kann erneut beginnen. A.C.