Das System 4/

Hotel Palestine

von

Falk Richter

  Aber wie ist die Welt wirklich? 

 

Schaubühne 

am Lehniner Platz

 

Mitarbeit: Marcel Luxinger

Regie: Falk Richter

Bühne: Jan Papelbaum

Kostüme: Martin Kraemer

Musik: Beckenbach

Video: Dresenbach, Licht: Erich Schneider

mit: Beyer, Judith Engel, Ronald Kukulies, Cristin König, Linda Olsansky, André Szymanski

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Wir werden die Herzen der ganzen Menschheit erobern" - das versprechen die beiden amerikanischen Regierungsvertreter, die sich im Hotel Palestine den Journalisten in einem heftigen Frage -und Antwortduell stellen. Aber was ist der Preis für diese Herzensangelegenheit? Daran lässt die letzte Inszenierung von Falk Richter an der Schaubühne keinen Zweifel: Das System 4 ist ein Schlagabtausch zwischen System-kritischen Journalisten und regierungstreuen Amerikanern, die das Wertesystem ihres Landes energisch und mit unwiderruflichen statements verkörpern.

Das ist ein beeindruckendes Wort- und Wahrheitsfindungs-Gefecht auch über Amerika und Europa, das sich da vor dem langgestreckten, in der Luft schwebenden Glastresen, halb Bar, halb Terrarium abspielt, in dem sich drei graue Echsen als endzeitliches Symbol für eine nur noch mit Wohlstandsmüll "belebte" Wüste träge voranbewegen. Es ist aber auch eine kühle Aufrechnung von Fakten, Abläufen, Ereignissen, politischen Einschätzungen und Fehlkalkulationen, von handfesten wirtschaftlichen Interessen und verträumten Friedens-Ideologien.

Unvorhersehbare Gewaltexzesse waren in der schönen neuen Welt nicht vorgesehen, die man in den von Despoten befreiten Ländern einrichten wollte - um wie viel bitterer wäre diese Bilanz von Falk Richter ausgefallen, wäre die Aufdeckung extremer Folterungen an irakischen Gefangenen durch einzelne amerikanische Militärs früher bekannt geworden. Aber auch hier - angesichts der Brutalität der Bilder und ihrer Abschreckung- muss zugleich auch die Gewalt, die gleichermaßen von demagogischen Friedensverkündern wie von religiösen Tötungs-Fanatikern ausgeübt wird, von der Weltöffentlichkeit hör- und sichtbar gebrandmarkt werden!

 Dass es im Irak nicht nur um den Folterer Saddam ging, dass vielfache Interessen auf dem Spiel um Krieg und Frieden standen und verstärkt stehen, dessen ist mittlerweile jedermann gewiss, außer jenen, die nicht begriffen haben, das es hier nicht um Buchführung geht, sondern um zwei Systeme: das der Demokratie und das des Despotismus. Beide zahlen letztlich den Zoll für die Rechtfertigung ihres Systems mit dem Tod jener, die an dessen Erhalt glauben, an das System festgebunden sind wie Räder in einem großen Getriebe.

Aber dies Diskussions-Stück in der Schaubühne ist auch eine erschütternde Bilanzierung von politischen und angepassten Haltungen; es ist wie die Offenlegung einer enttäuschten Liebe, in der beide Seiten von der anderen zuviel erwartet haben, die europäische Braut vielleicht das ewig Gute als Care-Paket, das Schöne à la Hollywood, große Wundertaten im Weltraum und die Schaffung einer gerechten Gesellschaftsordnung, die jedwede Falschheit und Ungerechtigkeit ausschließt. Aber all das hat es so nie gegeben. Und so musste zwangsläufig die Ablösung von einer Illusion erfolgen, was für beide Seiten äußerst schmerzhaft war. Amerika, der enttäuschte Liebhaber, konnte das nicht verstehen, und konterte, indem er Europa seine "Kulturarroganz", seinen Werteverzicht, seinen Opportunismus vorwarf, der ihm die Sicht für die realistische Weltpolitik verbaut habe.

"Ihr seht die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie ihr sie euch vorstellt", lässt Richter die amerikanischen Regierungssprecher sagen. Wohl wahr, aber dieser Satz trifft wohl sicherlich auf alle und auf jeden von uns zu und kann damit nur wenig zu einem gegenseitigen Verständnis beitragen. A.C.