|
Ich sehe was, was du nicht siehst mit |
Und plötzlich ist die Geschichte aus - ein Chansonabend auf dem Badeschiff
|
|
|
z.Zt. nicht im Programm Ein Abend mit Georgette Dee, Regine Zimmermann und Ian Dickinson Regie: Andreas Stadler Musik: Simon Ho Ausstattung: Mareile Krette Ort: Badeschiff der arena, Eichenstr. 4, 12435 Berlin Beginn: 21:30 Uhr / Einlass: 20:30 Uhr Eine Koproduktion des Deutschen Theater und arena Berlin Aus dem Pressebericht: EinOrt, fast nicht von dieser Welt. Ein Bungalow. Hier hausen zwei Diven und ihr britischer Butler. Sie zelebrieren das Leben wie einen nicht enden wollenden lazy afternoon. Siespielen ihre Spielchen, geben sich ihren Ritualen hin und erzählen von Reisen, die sie vielleicht unternommen haben, vielleicht auch nicht. Zeit und Raum lösen sich auf. Wer weiß da noch, was er ist: Mann oder Frau, wachend oder träumend, lebend oder tot...
|
Eine schmale junge Frau bahnt sich ihren Weg durch die Zuschauerreihen und springt mutig zu nächtlicher kühler Stunde ins Badebecken. Applaus. Immerhin ist ein äußerst bizarrer reicher Regentag noch nicht passé, aber der Himmel über Berlin hat ein Einsehen: Langsam verwandelt sich die graue düstere Wolkenmasse in hübsche runde Wattebällchen, und sogar einige Sterne blitzen am dunkelblauen Abendhimmel hervor. Auf der verwinkelten open-air Bühne des Badeschiffs haben sich die Zuschauer ihre Stühle von irgendwoher geholt, einige lagern tiefgebettet im Liegestuhl; aber irgendwie hat sich schließlich doch alles arrangiert, und man ist gespannt, was sich auf den blanken Bohlen am Badebecken entwickeln wird. Immerhin hat man berühmte Namen aufgebracht: die große Chansonette, Diseuse, Diva: Georgette Dee; die lasziv-kindliche Regine Zimmermann, am Deutschen Schauspielhaus beheimatet und den tiefstimmigen Ian Dickinson als diensteifrigen und fegefreudigen Butler, der auch schon mal mit einem pikanten Limerick die Stimmung der gelangweilten Damen aufzuheitern bemüht ist. Als Liebesobjekt allerdings taugt er weniger, besser ist sein Part als wohltönender Duett-Partner der Diseuse namens Dee... Die beiden Frauen räkeln sich nach anfänglichem Badespaß in flirrenden Gewändern - abwechselnd Sektglas und Opiumpfeife zum Munde führend - auf Stuhl und Bett. Es hat den Anschein, als ob Georgette Dee das Spiel, den Abend, die lässige Kommentierung in geistreich-witzigen Plattitüden unschlagbar im Griff hat. Dabei mag es an den open-air-Bedingungen liegen, dass sie oft kaum verständlich ist, weil ihr Mikro jener Lautstärke entbehrt, die bei Regine Zimmermann allzu stark eingestellt ist. Die Handlung, die sich vorwiegend aus der raschen Vernichtung von Champagner und Zigaretten, ebenso schnell verkonsumierter Garderobe und aus wiederkehrenden Bonmots zusammensetzt, schwankt zwischen dem Versuch, die Langeweile des süßen Nichtstuns sichtbar und vor allem hörbar zu machen. Für nötig hat der Regisseur es wohl auch befunden, die Sehnsüchte, Wahn- und Wunschvorstellungen mit einer saftigen Sexstory aufzuheizen. Da müsste man sich doch, wie die Dee die Haare raufen und den Champagner gläserweise runterkippen! Aber man liegt eben nicht auf Lotterbetten, sondern hockt auf Plastikstühlen und harrt der Dinge, die leider nicht kommen. Irgendwie hat das Trio dann aber genug voneinander. Die Zimmermann (hier mit "von Trautenhoff" oder so betitelt) steigt immer mal wieder auf eine Kiste - vielleicht eine imaginäre Klippe - sichtlich der Tristesse ihres Daseins überdrüssig; aber sie springt nicht, sondern träumt vom Dschungel, wilden Tieren und Indianern. Warum? Weil ein Liebhaber mit dem Flugzeug nächtlicherweise nicht landen konnte. Ziemlich harmlos das alles. Schließlich steigt sie wieder von der Kiste herunter und singt ein Chanson. Später sagen sich die beiden Frauen per Limerick was sie wirklich voneinander denken, giftig, bösartig, brutal und doch irgendwie zärtlich. Und während man noch darüber rätselt, welches Verhältnis die soviel Ältere und die ungleich Jüngere zu- und miteinander haben und wie die story wohl weitergeht, schwimmt ein kleines Boot mit einem jungen Bootsmann in einer bunter Weste heran und lädt die Drei in seine Barke. Eigentlich nämlich spielt die story irgendwo vor Capri, wie man mittels Leinwand und Video-Spot erfährt, aber die Spree ist allgegenwärtig: Möwen schreien ziemlich schrill berlinerisch, und die absonderliche Flußstimmung zwischen Ruinen und Lagerhäusern, alten Hafengebäuden und aufgemotzten Appartementhäusern tut ihr Übriges, um den Abend in undefinierbarer Stimmung zu halten. Man hätte gerne mehr von Georgette Dee gehört; Sie singt wunderbar, nuancenreich, melodiös und dramatisch, einfühlsam und zärtlich; und geradezu hinreißend spielt sie die gelangweilte Lady à la Oscar Wilde: mit einer kleinen Geste oder einer hoffärtigen Bewegung, mit einem Zynismus, der den Überdruss der gesättigten Diva karikiert und zugleich ihrer Lebensgier nach wahrhaftiger Liebe Ausdruck verleiht. Andreas Stadler hat sich die Begegnung zwischen drei " Grenzgängern als theatralisch-musikalische Nocturne und melancholische Humoreske" gedacht. Der Schweizer Komponist Simon Ho liefert dazu zauberhafte Melodien. Doch trotz allem überlegt man dann und wann, ob man nicht zur M.S.Hoppetosse hinübersetzen sollte, wo ein Salsa-Partyabend angesagt ist. A.C. |