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Im Ausnahmezustand von
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Regie: Falk Richter; Bühne: Jan Pappelbaum; Kostüme: Almut Eppinger; Musik: Paul Lemp; Dramaturgie: Jens Hillje; Video: Jörg Feiden; Licht: Erich Schneider mit:
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Deutlicher, drastischer und plastischer könnte man das Unbehagen, das unsere Leistungsgesellschaft gefangen hält, nicht darstellen, auch nicht sparsamer. Denn der Autor und Regisseur Falk Richter benötigt nur drei Personen und einen Raum, dessen Wände und Fußboden mit kühl glänzendem schwarzen Kunststoffkacheln dekoriert sind, sowie zwei lang gestreckte Sofas und einen Fernsehapparat, auf dem beinahe permanent ein Kaminfeuer auf einem Video künstlich vor sich hinlodert. Zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, sind in diesem Raum: Die Frau, von Bibiana Beglau variationsreich -lasziv und zugleich hysterisch, energisch und auch verführerisch-zärtlich dargestellt, fordert ihren am Laptop arbeitenden Mann so lange heraus, bis er von der abendlichen Arbeit ablässt und sich ihr halbwegs zuwendet. Nicht ganz. Denn eigentlich hat er sich viel weiter von ihr entfernt als nur bis zu seiner Nach-Feierabend-Arbeit. Die Frau merkt und fühlt ein tiefes, gräuliches Unbehagen und Unwohlsein, und sie sticht und stichelt, um den Phlegmatiker und emotionalen Verweigerer aus seiner Reserve zu holen, bis sie ihn ganz klein, ganz weich gekocht hat, und er nunmehr ein Häufchen Elend, ein erbarmungswürdiger Wurm ist. Für Bruno Cathomas, der mimisch und mit starker Körpersprache all diese Facetten bis zur Komik auszudrücken vermag, eine glänzende Rolle, die ihm alle Sympathie schenkt. Was aber ist der Anlass zu diesem zerreißenden Verhör, dem sich der Mann gegen seinen Willen nach und nach unterzieht? In den Visionen der Frau, die, zu Wohlstand und Ansehen gekommen, in einem entsprechenden renommierten Viertel wohnt, taucht in schrecklicher Weise die Furcht vor einem sozialen Abstieg auf: Ein Tor mit einem Code ist das einzige, was ihren Wohnbezirk von "denen da draußen" trennt! In ihren Wahnvorstellungen sieht sie, wie die looser dieser Gesellschaft wie Heuschrecken über sie herfallen, wenn sie erst den Code geknackt haben und ihre Domäne eingedrungen sind. Sie weiß um die Spielregeln in der Arbeitswelt, die ihresgleichen "oben" halten, denen ihr Mann aber schon lange nicht mehr genügt: Motivation und Frohsinn, Engagement und Einsatz, Teamgeist und Innovationsfähigkeit am Arbeitsplatz, für die Firma, innerhalb der Kollegen. Ihr Mann, so hat sie erfahren, bringe das schon lange nicht mehr; er sei müde, lustlos, apathisch. Dieser, nun ein Wrack im schlotternden Anzug, ist ein Versager - in den Augen seiner Frau, seiner Firma, des pubertierenden Sohnes- und der Gesellschaft um sie herum. Aber: was für seine Frau das höchste Gut in ihrem Leben ist, die Nachbarschaftspartys, die gesellschaftlichen Clubs, die Aktivitäten, die "in" sind, erlebt er aus innerer Distanz. All diese Dinge sind für ihn nur eine Farce, denn in Wahrheit kennt keiner den anderen wirklich; die Jagd nach den Handicaps auf dem gesellschaftlichen Kampfplatz ist für ihn kein erstrebenswertes Ziel. Er will dahin zurück, wo sie beide herkamen - eine ferne Idylle in ihrer Jugendzeit, ohne Ansprüche, ohne Hetz und Hast, noch nicht auf dem Marsch durch die gesellschaftlich relevanten Institutionen... Die Frau, beinahe wahnsinnig vor Angst, hört des Nachts menschliche Schreie, Schüsse, sieht Leichen im Morgengrauen, tote Kinder, zerfetzte Hunde. Immer wieder Meeresrauschen, obwohl nur ein See die Siedlung umgibt. Künstliche Geräusche, wie sie bangend vermutet, um diese Schrecken zu übertönen. Es ist die Apokalypse pur, und die Frau ist am Ende ihrer psychischen Kräfte, ihr Verstand kollabiert. Mann und Sohn sind hilflos; Und keiner kann auf den anderen wirklich zugehen, denn keiner weiß eine Lösung, nicht für sich, nicht für das weitere Leben. Das wäre ein Abend zum Erschießen, würde nicht Cathomas so herrlich aus dem beruflichen Deserteur und Familien-Flüchtling so etwas wie eine ernsthafte Karikatur zaubern. Völlig überrascht, beinahe hingerissen von den schrecklichen Träumen seiner Frau, ohnmächtig gegenüber dem Rotzbengel von Sohn, unfähig, die eigenen Bedürfnisse zu äußern und zu leben. Bibiane Beglau hat die schwierigere Rolle als frustrierte Ehefrau, die, überehrgeizig und überängstlich, völlig hilflos im Dunkeln ihrer vom Wohlstand geprägten Wahrnehmung tappt und nur eines weiß, dass sie nicht "absteigen" will. Der Sprössling Vincent Redetzki ist schlichtweg die Inkarnation aller um Selbständigkeit und Halt ringenden Jugendlichen, die dazu verurteilt sind, sich und den Erwachsenen das Leben so schwer wie möglich zu machen. Wer Geduld hat, die zermürbenden Dialoge zu ertragen, wird dann doch mit einer höchst bemerkenswerten Wendung erleuchtet, die letztlich der halbwüchsige Pubertist den in ihrem sozialen Gefängnis eingeschlossenen und nach diesen harten Auseinandersetzungen völlig ermatteten Eltern hinterlässt, bevor er sich zu seiner nächtlichen Videorunde begibt: Es gibt noch anderes im Leben als Leistungspotenzierung und Konsum: nämlich die Welt jenseits dieser selbst errichteten Mauer, die uns die wunderbare Weite eines uns selbstlos begleitenden Kosmos eröffnen könnte. A.C.
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