Im Schlitten Arthur Schopenhauers

von

Yasmina Reza

 

Über das Wesen des Morgenmantelträgers 

   

Deutsches Theater Kammerspiele

Dramatisierung einer literarischen Vorlage

Regie: Jürgen Gosch
Bühne/Kostüme: Johannes Schütz

Mit: Corinna Harfouch, Gabriele Heinz, Ulrich Matthes und Ernst Stötzner

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Man stelle sich vor, das Thema eines Aufsatzes lautete, das Wesen eines "Morgenmantels" zu beschreiben  - oder es gelte, die Empfindungen und Gedanken zu analysieren, die sich angesichts einer schwer tragenden, kleinen dicken Frau, die mit schwankendem Gang vor uns geht und unser Vorankommen behindert, auftun. Oder darüber zu reflektieren, was ein Mann denken und fühlen mag, der gestern noch ein anerkannter Philosoph war und nun jäh von einem Gehirn gesteuert wird, dessen langjährige Klarsicht nach und nach zerstört worden ist: Oder - wie und was wohl seine Frau empfinden mag, die schon lange bevor die Krankheit ihres Mannes ausbrach, unter seinen stereotypen, zwanghaften Gewohnheiten gelitten und sich nach und nach von ihm entfremdet hat...

Yasmina Reza, bekannt und beliebt als Autorin ebenso charmanter wie kritischer Beziehungsdramen, hat diese verschiedenen, miteinander geschickt verflochtenen Betrachtungen über menschliche Einsamkeit und philosophische Erkenntnisse als Prosa, als Gedankenspiel geschrieben; dies mit darstellerischem Geschick in Szene zu setzen, hat Jürgen Gosch mit Erfolg versucht.

Johannes Schütz hat hierfür einen rechteckigen hohen kahlen Raum geschaffen, in dem verloren ein alter Ledersessel und ein Stuhl vier    Menschen Platz bieten. Sie betreten von der vorderen Seite den Bühnenraum, kommen scheinbar aus dem Nichts und verschwinden wieder in ein Nirgendwo. Stets spricht nur einer, als Patient im Sessel sitzend, zu der stumm neben ihm zuhörenden Therapeutin oder dem schweigenden Freund, der dann die gleiche Funktion einnimmt.

Corinna Harfouch als Ehefrau Nadine beginnt mit einem Monolog der Seelenoffenbarung, der Gefühlsentwirrung. Nach und nach gewinnt sie, nervlich ein bemitleidenswertes Wrack, Klarheit durch Sprechen, Einsicht durch Reflektion; doch hilft ihr dieses alte therapeutische Mittel nicht zur Wiederbelebung alter Gefühle, nicht aus der Isolation und Langeweile; sie gewinnt die verlorene Vertrautheit zu dem Mann, der Spinoza auf seinem Weg in verschwommene Glücksvorstellungen ergebnislos gefolgt und daran zerbrochen ist, nicht mehr zurück. Sie wird ihm wahrscheinlich für immer fern bleiben.

Ariel Chipmann wird von Ulrich Matthes gespielt, der an den Banalitäten und Unsäglichkeiten der Freunde, die längst zu Fremden geworden sind, an den unausweichlichen Entsagungen des Alters, an den Lieblosigkeiten der Um-Welt leidet. Insofern eigentlich ein höchst "normaler" Mensch, der seine persönlichen Enttäuschungen in vielfältigen Facetten auszudrücken vermag. Die Qualen, die er  aussteht, erscheinen folgerichtig als Resultat all jener Fragen des Lebens, für die auch die Philosophie für den sensiblen Denker kein probates Heilmittel bereithält. Matthes kann mit wenigen Gesten und einer - durch die Akustik des hohlen Raumes noch verstärkten  - stark wirkenden stimmlichen Nuancierung die Vereinsamung des pessimistischen Philosophen hör- und spürbar werden lassen. Wie er da im schlotternden Morgenmantel, schlaff und unbeteiligt im Sessel hängend, den plappernden Besucher stoisch über sich ergehen läßt, nachdem er eben zuvor sich aus tiefstem Herzen vor der Therapeutin Luft gemacht hat, das führt neben einem leisen Schmunzeln auch zu dem innigen Wunsch, sich selbst - auch außerhalb der Psychiatrie -doch auch über solche nervenden Mitmenschen hinwegsetzen zu können.

Ernst Stötzner bekommt von Frau Reza den Part der Nervensäge, aber zugleich auch den des Komikers ( mit schreiend blauem Blazer); denn, wie er ungerührt  gleichermaßen Wirtschaftsanalysen, seine Einstellung zum Sex, die bevorzugten Modefarben seiner Frau oder die Persönlichkeitsanalyse des "Morgenmantel-Trägers"  in einem Atemzug entwirft, wie er die banale Weltsicht seines engen Horizonts und seines Lebensstils verkündet, das könnte, würde es nicht zum Lachen reizen, schon zur Aggression auffordern! 

Gabriele Heinz wird zum Schluss das Wort ergreifen, und ihr Monolog scheint als Parabel geeignet, um das Leid dieser und vieler anderer Menschen aufzuzeigen, die in der Begrenzung ihres Lebens verharren müssen, weil niemand ( von uns!) Zeit und Mut aufbringt, sich ihrer wahrhaft anzunehmen. Denn die alte, dicke, schwer beladene Frau, die vor uns hergeht und uns schwankend den Weg verstellt, die unserer rasches Vorwärtskommen vereitelt, unsere gute Laune beeinträchtigt und uns schließlich zum Verharren und zum Nachdenken zwingt, ist nur eine Metapher.

Sehens- und lesenswert! A.C.