Iwanow

von
Anton Tschechow

bearbeitet von 
Dimiter Gotscheff

 

  

   Eine Gesellschaft im Dunst der Depression

 

   

Volksbühne
am Rosa-Luxemburg-Platz

Regie: Dimiter Gotscheff

Bühne: Katrin Brack

Kostüme: Katrin Lea Tag

Mit: Samuel Finzi, Almut Zilcher, Hendrik Arnst, Wolfram Koch, Silvia Rieger, Birgit Minichmayr, Alexander Simon, Marie-Lou Sellem, Winfried Wagner, Milan Peschel, Michael Klobe.

 

 

Zurück

 

 An der Volksbühne bedeutet Kunst auch Künstlichkeit, und sie hat ihren Zweck. Im Panoptikum skurriler Figuren lässt sich herrlich politisches und gesellschaftliches Provokationsspiel betreiben, vor allem aber die Aggressionslust auf alles, was nach Kapitalismus aussieht, ausagieren. Vorlagen in der Literatur und den Dramen der Weltgeschichte sind reichlich vorhanden. Man modelt das alte Skript entsprechend dieser Intention um, rührt ein bisschen im klebrigen Klischeeteich herum und backt alles zu einem mehr oder minder würzigen Sauerteig.

Diesmal sind es Zutaten aus Tschechows Drama über den 39jähjigen Gutsbesitzer Iwanow, einen gebildeten, durch das Provinzleben demoralisierten Akademiker, den seine depressiven Selbstreflexionen zu ersticken drohen. Ohne jegliche Antriebskraft und Lebensfreude "mit schwerem Kopf unter träger Seele, ermattet, zerbrochen, zermalmt, ohne Glauben, ohne Liebe, ohne Ziel" (so Tschechow) windet er sich aus jeder Verantwortung, und aus jedem Auftrag, den ihm die Gemeinschaft gibt. Er ist verheiratet mit der von ihren wohlhabenden Eltern darob verstoßenen Jüdin Anna.    

Er enttäuscht seine todkranke Frau aufs Gröbste, als sie ihn innig anfleht, einen Abend bei ihr zu bleiben. Almut Zilcher wendet ihre Demut endlich zu Stolz, als sie, zutiefst getroffen, dem liebesunfähigen Mann schließlich den Rücken kehrt. Er weiß überhaupt nicht, was er will - in Selbstmitleid aufgehen, als Treibgut dahinvegetieren - vielleicht. Oder? In dieser im Nebel der Vergangenheit wabernden und eingelullten Inszenierung gibt Samuel Finzi diesem Iwanow, um den sich alles dreht, eine Erbärmlichkeit, die nicht nur bei des Freundes Tochter Sascha Mitleid auslöst. Er ist eine traurige Figur. Dass Frauen oft solche Männer zu lieben pflegen, gehört zur köstlichen Hintergründigkeit des Schriftstellers, der seine im Deutschen stets verhärmten Dramen meist als Komödien betitelte. Also liebt die kleine Sascha (Birgit Minichmayr), diesen lahmen Trottel Iwanow mit geballter Kraft; und wie dieser, so fragt sich auch der Zuschauer verblüfft: Wieso? Völlig überrumpelt von der Frauen Liebestollheit und des Freundes Güte (der reiche Lebedev - Wolfram Koch -will sogar mit unbeholfener, aber liebeswerter Geste das Geld für die Schulden Iwanovs sogar aus eigener Tasche vorstrecken) steht Iwanov nur noch wie ein armer gescholtener Tor in der Gegend herum, fahrig gestikulierend oder total erschlafft. Körper und Seele sind längst abgestorben, müde macht ihn das Mitleid mit der eigenen Armseligkeit und dem nahenden Alter (39 Jahre zählt dieser Iwanow - auch für russische Verhältnisse, wenn man nicht wie Tschechow todkrank ist, ein durchaus akzeptables Alter!). Mit großen, blauen, naiven Augen blickt er suchend in der Gegend umher: Seht mich doch an, verkünden diese, ich bin ein geschlagener, vom Schicksal gebeutelter, armer, dem Trunke ergebener Mann. Mit mir ist nichts mehr los. Wahrlich nicht. Nur einer wagt es, ihn anzuschreien, ihm seinen Ekel ins Gesicht zu fauchen: der pomadige, unsensible Doktor, der vergeblich um die Liebe Annas bemüht ist. Wie stets bei Tschechow: Ein jeder liebt die falsche Person..

Lebedevs Gattin (Silvia Rieger sehr exaltiert) hat andere Sorgen; sie muss Geld und Gut zusammenhalten und thront über allen, schön und kalt, eingehüllt in einen schmutzig weißen Pelz, den sie nur dann und wann zurückschlägt, um zu zeigen, dass auch sie so manches entbehrt, in dieser butterweichen Männerwelt. Denn um sie herum nichts als Hofschranzen, frisch einem Fellini-Remake entsprungen: Ein herumlungernder, sich die Zeit vertreibender und einer reichen Heirat nicht abgeneigter Graf, ein kauziger Angestellter sowie der clevere Verwalter des Iwanow'schen Gutes, der seinen Herrn in den Ruin und für sich selbst sein Schäfchen lange ins Trockene gebracht hat. Für Publikumsliebling Milan Peschel als Verwalter eine Möglichkeit, es diesen laschen (kapitalistischen!) Herrschaften einmal mehr zu zeigen: Smart, schnell und kräftig ordnet er die nötigen Familienangelegenheiten.

So war das damals im alten Russland, in dem Tschechow selbst als Arzt und Schriftsteller und als Versorger einer großen, schwierigen Familie schwere Lasten auf den Schultern trug, und sich selbst, früh lungenkrank, gesundheitlich verausgabte. Mit brillanter Beobachtungsgabe verarbeitete er in seinen Essays und Dramen, was er beobachtete, reflektierte, was ihm auf der Seele lag, um einer maroden Gesellschaft ihr Spiegelbild vor Augen zu halten. Er liebte sein Land, und er liebte die Menschen, und er wollte sie in seinen (mit Humor und scharfer Beobachtung gezeichneten) Bühnenfiguren dazu bringen, sich selbst zu erkennen.

  In der Volksbühne hat Regisseur Gotscheff sich dagegen für eine Farce entschieden und inmitten eine tragische Figur gestellt. Er hat die obligatorische Langeweile, an der die russischen Gesellschaft zu leiden pflegte, gnädig in Dunst gehüllt und die Figuren in Comedy-Manier an der Rampe aufgereiht. Zum Schluss zeichnet Iwanow an die weiße Wand ein Strichmännchen, das sich erschießt, dann geht er langsam und bedeutungsschwer eine Treppe hinunter: Lächerlich und tragisch zugleich. Lächerlich für all jene, die nicht um die schwere Krankheit der Depression wissen, tragisch für all jene, die in dieser Lage ohne Hilfe bleiben müssen. Als ob das nicht genüge, regnet es vom Bühnenhimmel außerdem tote Stoffpuppen, die eindeutig signalisieren: Das Spiel ist aus. Gott sei Dank. A.C.