Kaspar Häuser Meer

von
Felicia Zeller

 

 

Frustmonologe im Jugendamt

 

 

Maxim Gorki Theater

Übernahme der Uraufführung des Theater Freiburg

Regie: Marcus Lobbes
Bühne&Kostüme: Christoph Ernst
Musik: Udo Selber
Dramaturgie: Josef Mackert

 

mit: Rebecca Klingenberg, Bettina Grahs und Britta Hammelstein

Kaspar Hauser (angeblich geb. 30. April 1812, † 17. Dezember 1833 in Ansbach) war ein Findelkind ungeklärter Herkunft.
Hauser tauchte am 26. Mai 1828 in Nürnberg als etwa 16-jähriger, geistig anscheinend zurückgebliebener und wenig redender Jugendlicher auf. Durch seine späteren Aussagen, dass er, solange er denken könne, bei Wasser und Brot immer ganz allein in einem dunklen Raum gefangen gehalten worden sei, erregte der Fall internationales Aufsehen. 
Ein zeitgenössisches, weltbekannt gewordenes Gerücht behauptete, Hauser sei der 1812 geborene Erbprinz von Baden, den man gegen einen sterbenden Säugling vertauscht und beiseite geschafft habe, um einer Nebenlinie des badischen Fürstenhauses die Thronfolge zu ermöglichen. 

Am 14. Dezember 1833 kam er mit einer schließlich tödlichen Stichwunde nach Hause. In beiden Fällen behauptete er, Opfer eines Attentäters geworden zu sein. Seine Anhänger vermuten ein politisch motiviertes Verbrechen; nach einer Gegenmeinung handelte es sich um Selbstverletzungen, die er sich vermutlich aus Enttäuschung über das nachlassende öffentliche Interesse an seiner Person beigebracht habe.

 

 
  Immer wieder präsentiert uns die Presse erschreckende und tragische Fälle von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung.  Wir sind betroffen und entsetzt, doch wir können diese Schicksale nur ohnmächtig und hilflos zur Kenntnis nehmen, und sind umso   fassungsloser als diese Familien und ihre Kinder dem Jugendamt oft seit vielen Jahren bekannt waren und von qualifizierten Sozialarbeitern betreut wurden.

Ein junge Autorin, Felicia Zeller, hat sich dieses Themas angenommen und  unter dem Titel "Kaspar Häuser Meer" einen Sprechtext für drei Schauspielerinnen geschrieben, die als Sozialarbeiterinnen unter ihrer Überforderung, zu viele Familien betreuen und gleichzeitig den  bürokratischen Alltag bewältigen zu müssen, selbst schon am Rande ihrer physischen und psychischen Kraft sind.

Kaspar Hauser ist in der Historie (s.n.) ein jahrelang eingesperrtes, vermutlich schwachsinniges Kind, das eines Tages mit den Realität des äußeren Lebens konfrontiert wird und an der kalten Sensationsgier der Menschen zerbricht. Ein Name für viele namenlose Kinder in unserer Gesellschaft, in der Familien am Rande ihrer geistigen Fähigkeiten und finanziellen Existenz leben und orientierungslos, ohne Maßstab, ohne Werte, ohne Moral und - oft auch unter wenig Beachtung ihrer Umgebung ein menschenunwürdiges Dasein führen. 

Im Maxim Gorki Theater hat Christoph Ernst eine nach vorne geöffnete enge grellgelbe Schachtel aufgestellt, in deren drei Wänden sich drei Sozialarbeiterinnen eines Jugendamtes unaufhörlich mit der Bewältigung schwieriger Familienschicksale abquälen und gegen Bürokratie, die eigenen schwindenden Kräfte und die mangelnde Unterstützung ihres Vorgesetzten kämpfen. Ein schwer erkrankter (burn-out-Syndrom) Kollege hat ihnen eine heillose Zettelwirtschaft hinterlassen, die jetzt aufgearbeitet werden müssen, und er hat, und das ist der Schwerpunkt dieser Erzählung, eine schwer sozial gestörte Familie betreut, jedoch leider - wohl in blindem Optimismus menschlicher und gesellschaftlicher Selbstheilungskräfte- einem äußeren Schein vertraut.

Die Leiterin dieser Amtsstelle, Barbara (Rebecca Klingenberg) ist sicht- und hörbar überstrapaziert, rettet sich in 24stündige non-stop-Arbeit und versucht, psychologisch nicht sehr geschickt, ihrer Kollegin Silvia (Bettina Grahs) den bereits im übermäßigen Alkoholkonsum ertränkten Stress abzunehmen. Was gründlich misslingt; denn diese routiert gleichermaßen im täglichen Kampf um "ihre" Familien und um ihr eigenes einsames Überleben in diesem zermürbenden Beruf.  Auch die kleine Anika (Britta Hammelstein), noch Anfängerin in diesem Job, ist bereits am Ende ihrer Nerven, kann kaum selbst bewältigen, was sie für andere anstrebt: ihr eigenes Kind liebevoll und geduldig zu erziehen.
In einem irrsinnigem Tempo schleudern diese drei Damen die Last ihrer niemals endenden Verantwortung aus sich heraus, zu der sie ihre Arbeit mit den Randgruppen unserer Gesellschaft verurteilt; aber auch ihre Schicksale, ihr Engagement, sowie ihre Grenzen sind kein Spaß, kein Ulk, an dem sich so mancher Zuschauer bei der Premiere weidete; sie zeigen die unbarmherzige Realität innerhalb der finanziellen und personellen Begrenzungen von staatlichen Sozialeinrichtungen. Allerdings erfüllt diese Idee noch nicht die Anforderungen eines gut aufgebauten Theaterstückes, das den Regeln einer festen Dramatik folgt. Das Thema und die angedeuteten Charaktere würden eine entsprechende Struktur wohl hergegeben, doch dazu bedürfte es eines gestrengen Regisseurs, der seinen Dramaturgen (hier Josef Mackert) und die Autorin mit dieser Arbeit beauftragt. Doch leider wird viel zu häufig unfertiges Material sehr schnell gelobt, prämiert und auf die Bühne gebracht. Und ein Publikum, das nichts anderes als Unterhaltung erwartet (und kennt), ist es zufrieden. So verwundert es nicht weiter, das diese rasante Sprechpartitur in der Freiburger Inszenierung von Marcus Lobbes mit dem Publikumspreis der Mühlheimer Theatertage 2008 ausgezeichnet wurde. Ein wirkliches Problemstück, das die Härte und die Hintergründe sozialer Verwahrlosung aufzeigt, ist es aber nicht geworden. A.C.