| Maxim Gorki Studio
Von und mit Melanie Sowa und Hans-Jochen Menzel
Puppen: Suse Wächter und Melanie Sowa
Bühne: Halina Kratochwil
Kostüme. Dorothee Scheiffarth
Bei Sowa und Menzel
wird Strittmatters „Katzgraben“ zum Mustertext einer sozialistischen Umschulungsmaßnahme:
ein ganzes Regiment von Puppen wird zur Katzgraben-Darstellung
einberufen und erfindet dann gleich noch Szenen aus den
legendären Theaterproben Brechts am Berliner Ensemble aus dem Jahr 1953. Auf
diese merkwürdige Weise treffen sich Großbauer, Kleinbauer, Brecht und Weigel.
Sowa und Menzel steigen einer historischen Komödie aufs Dach
und unternehmen Verbesserung um Verbesserung, um dem Sinn der Arbeit näher
zu kommen. Eine Zeitreise zum "modernen Klassenkampf auf dem Dorfe".
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Ein Paar wuselt aufgeregt mit einem Gestell voller Handpuppen und allerlei Krimskrams herein, diskutiert vor dem sonderbar nach hinten abfallenden Bühnendach, wie und was für den morgigen Umschulungstag noch vorbereitet werden muss. Es ist hauptsächlich der Mann, der redet, offensichtlich der Lehrer für die Umschüler, die auf eine neue Zeit, auf den "neuen Menschen" samt neuen Aufgaben vorbereitet werden sollen. Später stellt sich heraus, es handelt sich um Theaterleute, die anstelle der alten Weihnachts- und österlichen Passionsspiele künftig modernen Realismus auf die Bühne bringen solle – im Dorf Katzgraben.
Es ist sicher kein Zufall, dass
bereits am Auftakt dieser spritzig-witzigen Gesellschaftsfarce, die die alten
Strukturen mit elegantem Florett aufzuspießen versteht, der "Umschulungsleiter" doch verdächtig in
seinem Habitus und Aussehen an einen Regisseur der
Volksbühne erinnert... Ähnlichkeiten sind wohl aber eher rein zufällig.... Seine
hübsche sanfte Assistentin muß ihn denn auch mehr bestätigen als
korrigieren; denn erst nachdem er zu Beginn seinen Schülern
die wichtigsten politischen Begriffe und Maßnahmen untergejubelt hat, wird er
zum Kern seiner künstlerischen Ausführungen kommen: wie
man modernes Arbeiter- und Bauerntheater macht.
Das Vorbild des Umschulungsleiters ist das
Berliner Ensemble, ist Bertold Brecht samt Schauspielern. Diese
brachten übrigens 1955 tatsächlich mit Erwin Strittmatter dieses realistisch-kritische
Bauernstück auf die Bühne, in dem die Dorfbewohner
und Grubenarbeiter für die Ausbesserung ihrer alten Dorfstraße
kämpfen und damit gegen die Interessen von Bezirk und Großbauern.
(Wer die Verkehrsverhältnisse zurzeit im Bezirk Mitte erlebt, kann sich in
etwa die Situation der von der Außenwelt abgeschnittenen Dorfbewohner vorstellen...)
Die beiden Darsteller, Sowa und
Menzel verwandeln sich nun in Puppenspieler und übernehmen mit
einer genialen Rollenverteilung die Stimmen und Bewegungen
des alten Brecht, seiner rauhen Helene und anderer Protagonisten jener Jahre.
Somit entsteht einerseits eine parodistische Bühnenprobe als Reminiszenz an
das Theater am Schiffbauerdamm, aber zugleich auch ein tiefer
schauriger Einblick in die abstrusen behördlichen Maßnahmen und in
die Verunsicherung der betroffenen Menschen. Köstlich sind aber vor
allem die kleinen Striche, mit denen der große
Meister gezeichnet wird, seine kaum verhüllte Vorliebe für die Weiblichkeit,
seine exzentrischen Attitüden, seine klare Diktion und unmißverständliche Regieführung.
Zwischendurch kommt Menzel -fahrig, nervös, begeistert von sich selbst
vor allem- immer wieder mal nach vorn an
die Rampe und versichert sich bei seiner Assistentin der
Wirksamkeit seiner Darbietung. Denn schließlich soll der moderne Arbeiter-
und Bauernstaat solchermaßen funktionieren: Der neue Mensch hat Arbeit
und Brot und bestimmt sich selbst.
Allein Strittmatter lebte eben genau
dort, wo es um Arbeit und Brot und Selbstbestimmung ging, nämlich in
der armen und armseligen Lausitz, und da war es auch nach 1947 keinen
Deut besser um die Lebensqualität der Menschen bestellt als zuvor.
Jetzt bestimmten Landbesitzer und Parteigänger neuer Art die Richtung,
und der Staat machte unsinnige Vorgaben, die keinerlei Bezug zur
Realität hatten. Wir sehen ein Lehrstück, wie man es sich
kritischer nicht hätte wünschen können. Doch damit natürlich nicht genug:
Menzel und Sowa versuchen im 2. Teil mit ihren Puppen auch einen Schlenk in
die Jetztzeit: Die Utopie von 1955 wird nun an der
Wirklichkeit einer Welt gemessen, wie sie sich ein halbes Jahrhundert
später darstellt: Der neue Mensch - was ist aus ihm geworden? Der Parteisekretär
hat die Macht des absolutistischen Fürsten übernommen;
die nackte grobe Figur wird schnell in ein Königsgewand gesteckt, und wie
King Kong umarmt der Fürst fest die Kleinen und die
Kleinmütigen seines Staates... Und wieder schlüpft der neue Mensch in eine
neue Haut, die knochenlos, haltlos, dehnbar ist. Sein Körper wird
überflüssig, sein Kopf ebenfalls, nur noch das Gehirn ist gefragt. Das
macht sich kurz noch einmal selbständig, bevor es für immer im Spiritusglas versenkt wird. -
Man sollte dem Gorki-Theater
wünschen, dass es diese Inszenierung für lange Zeit ins Programm
nehmen kann. Denn die Kunst des Puppenspiels tritt hier in geradezu
vorbildlicher Weise in all ihren Facetten auf: Symbolhafte
Bühnengestaltung, typische Requisiten der fahrenden Künstler: der
kleine Thespiskarren; die Verwandlung der Puppen durch die Stimmen und
durch die Führung ihrer Darsteller, weiter die Story, die auf
mehreren Ebenen spielt und schließlich der Witz, mit dem Geschichte
und Zeitgeschichte transparent und wie ein köstlich feines Sorbet serviert werden.
Im Zweiten Weltkrieg war Strittmatter Soldat und desertierte gegen Kriegsende nach Böhmen. Nachdem er 1947 der SED beitrat, wurde er Amtsvorsteher und Standesbeamter für sieben kleinere Gemeinden. Er war nebenbei journalistisch tätig als Korrespondent und später Lokalredakteur bei der "Märkischen Volksstimme" in Senftenberg. Sein erster Roman "Ochsenknecht" wurde erfolgreich veröffentlicht, und so entschloss sich Strittmatter 1952 das Schreiben zu seinem Hauptberuf zu machen. Nachdem Bertolt Brecht durch das Buch "Katzgraben" auf Strittmatter aufmerksam geworden war, arbeiteten die beiden Literaten eine Stückfassung des Buches aus. Die Uraufführung fand 1955 am Berliner Ensemble statt. A.C.
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