Nächstes Jahr in Jerusalem

von
Miriam Sachs und Karsten Troyke

 

 

Die Liebe ist der Kompass

 

 

Neuköllner Oper

Text, Konzeption und Regie: Miriam Sachs; Musik: Karsten Troyke und Robert Mai, Co-Regie: Julia Dittmann; Raum/Projektionen: Puppet-Holding, Miriam Sachs; Sound-Design: Leo Solter

Judith: Miriam Sachs

Theo und Grünstein: Karsten Troyke

Eine charmante Liebesgeschichte und eine unkonventionelle Annäherung an das Judentum.

Zurück

 

 

 
  Sie hätte bei ihrem Buchtitel bleiben sollen: "Die Reise nach Jerusalem oder 141 Tage Warten auf Grünstein", das Miriam Sachs als Vorlage für ihr kleines Theater-Kammerstück nimmt. Denn der Titel, so wie er lautet, läßt die Vermutung aufkommen, hier handele es sich um die Bearbeitung gleichlautender bekannter Romane wie die von Andre Kaminski und Robert Elmer. 

 Miriam Sachs hat sich  gleichwohl dem Judentum und Israel verschrieben, zwar literarisch neu orientiert, sich aber literarisch neu orientiert, und sie führt Regie und spielt und singt dieses nicht erwachsen gewordene 30jährige Mädchen Judith, das mit zwei Kindern nach zwei missglückten Ehen immer noch an die große Liebe glaubt und doch gerade erst dabei ist, sich von ihrem unaufgeregten Macho Theo zu trennen, der sich lässig im Freizeitdress lümmelt und seine Frau so gar nicht ernst nimmt. Ihre kleinlichen Zänkereien, die das Aus einer jeden Beziehung androhen, gehen um ihr, Judiths, Lieblingsvideo "Mash" und dessen charmanten jungenhaften Hauptdarsteller Alan Alda, für den Theo nur ein mitleidig-mattes Lächeln übrig hat. Auch ihre konträren musikalischen Interessen werden zum Zweikampf benutzt. Denn hier wie überall schwebt Judith irgendwo sanft im Gestrigen, während Theo sich als "moderner Mann" eher über die Naivität und Leidenschaften seiner Frau amüsiert anstatt sich zu einer verständnisvollen Teilnahme zu bequemen. Karsten Troyke, eher als Vollblutmusiker bekannt, ist auch ein grandioser Mime. Wie er als bequemer Loddel so gar nicht gern aus der kleinen, aber wohl temperierten Wohnung ausziehen möchte, wo doch alles, und wenn irgendwo ein Bild an der Wand hängen würde, auch dieses schief hängt, das spielt er schon mit eigener Nonchalance. Auf Judiths Bemühungen, ihre Tagesprobleme um Kindergartengruppen und Erziehungsorientierung zu lösen, antwortet er mit Phrasen aus dem alleinigen Lebensgefühl versprechenden Ikea-Katalog. Judith hat mit Kreide ein kleines Quadrat inmitten des Raumes gezogen - das ist ihre Intimzone, hier kann sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen, die Miriam Sachs aus dem Tagebuch Judiths auf die Bühne überträgt. Hierin schreibt sie entzückende Sätze, die ihre kleine Welt- und Weitsicht aus der täglichen Zeitungslektüre über Autonomiebehörde und Mütterberatung reflektieren und Vergleiche blühen lassen, die sich so köstlich naiv und unpassend auf aktuelle Ereignisse oder Personen etwa wie Scheich Jassim und Wolfgang Schäuble beziehen.  

Da verliebt sich die schwärmerische Judith eine Tages auf dem Spielplatz in den Vater eines Kindergartenfreundes ihrer Tochter. Und Judith, so vertraut sie ihrem Tagebuch an, vermutet, dass dieser attraktive Mann mit dem Namen Grünstein natürlich Jude sein müsse. Sie erprobt, ohne dass der von ihr Verehrte davon ahnt, koschere Gerichte und wagt sich mit Albträumen und Bauchgrimmen sogar zum Gottesdienst in eine Synagoge. In der Zeitung verfolgt sie mit kindlicher Logik die schweren Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Israelis, schwankt zwischen ihren Sympathien zwischen den Völkern und ihren Machthabern  und bemüht sich verzweifelt, das Handeln beider Seiten gleichermaßen gerecht zu beurteilen - ihr Kompass ist ihre Liebe zu Grünstein.

Sehr schön eingebaut in das Spiel sind bekannte Liebeslieder und Klezmermusik von Karsten Troyke, der auf Gitarre und Klavier geschickt die Gefühlsebene von Judith untermalt. Troyke, der in seiner Laszivität eine starke darstellerische Präsenz ausstrahlt, kann glänzend und gelassen zwischen seinen verschiedenen Aufgaben jonglieren: Sowohl als Musiker, der alle Sa(e)iten im Griff hat, der viele CD's aufnahm und alte jüdische Lieder wieder aus der Versenkung hob und sie mit seiner voluminösen tiefen rauen Stimme zu einer eindrucksvollen Interpretation arrangierte -  als auch als Lebenskünstler, der später in der Rolle von Grünstein das Gezerre von zwei Frauen um seine Person sichtlich genießt. Für Judith wird der lang ersehnte Abend, von dem sie sich Grünsteins Liebeserklärung erhoffte, eine herbe Enttäuschung. Aber, sie nimmt sich darob selbst beim Wort und trifft einen Entschluss, der sie wohl endlich erwachsenen werden läßt... A.C.