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Ödipus auf Kuba
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Willkommen im Maxim Gorki Social Club
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Empfehlung: Erst den Roman "Homo Faber" lesen, dann evtl. die Aufführung anschauen! Regie: Armin Petras, Bühne Kathrin Frosch, Kostüme: Aino Laberenz, Dramaturgie: Andrea Koschwitz mit: Walter Faber Peter Kurth Ivy / Putzfrau / Stewardess / Cubanerin Maria Simon Sabeth Julischka Eichel Helen Cristin König Joachim / Uli, sein Bruder / Cubaner Robert Kuchenbuch Marvin / Journalist / Cubaner Johann Jürgens Regie Armin Petras Bühne Kathrin Frosch Kostüme Aino Laberenz Musik Sascha Hargesheimer, Jörg-Martin Wagner Dramaturgie Andrea Koschwitz |
Da das Theater wohl bald der einzige öffentliche Schauplatz ist, an dem noch ungeniert geraucht werden darf, werden Tabakfreunde bei diesem Spiel ganz besonders auf ihre Kosten kommen: Denn würziger Zigarrenrauch zieht nebeldicht gleich zu Beginn ins Publikum. Willkommen im wohligen Havanna Social Club, wo Nutten, Zuhälter, Musiker, Poeten und Durchreisende in fröhlicher Runde vor schäbiger Wellblechwand einander erotische Geschichten aus dem Leben erzählen, Beziehungsprobleme temperamentvoll austragen und genau so wenig bewältigen wie andernorts. Was wird das werden? Zum einen: die übliche Petras-Abrechnung mit westlicher Verwöhnung, Konsumüberdruss, ökologischer Ausbeutung der armen Länder, Unterversorgung der Bevölkerung mit den existenziellen Notwendigkeiten: stattdessen technische Überversorgung, Waffenlieferungen, Erfindungen, die bei richtiger Anwendung nutzbringend sein könnten. Wohlgemerkt, auch bei Max Frisch, der seinen UNESCO-Ingenieur Walter Faber als Vernunftmenschen durch die Entwicklungsländer schickt, findet sich diese Kritik; jedoch ist sie subtiler verpackt, eingebettet in die Psyche seines Protagonisten, der - als ihn die Gefühle überwältigen - ein tragisches Schicksal heraufbeschwört und erkennen muß, dass sich der Mensch nicht auf berechenbare Konstanten reduzieren läßt. Der Kern dieser Story ist gut, Max Frisch Roman großartig, aber die Bearbeitung als Bühnenspektakel hat ihre Tücken. Vielleicht, dass sie sich bei einer sorgfältigen Dramatisierung hätten vermeiden lassen können und ein brauchbares Schauspiel daraus geworden wäre. Oder zumindest: ein spannendes Experiment und die Erinnerung an die klassische griechische Erkenntnis, dass wir vor unserem Schicksal nicht davonlaufen können. So aber, in der zufälligen Folge von scheinbar mit spielerischer Nachlässigkeit hingetuschten Szenenfragmenten, will kein rechtes Bildnis einer Erzählung entstehen. Ihre Ansätze sind nicht verzahnt, bleiben ohne Spannung, und ihre Vielfalt ist, zumal noch mit Gitarrenakkorden und scharfen Cellostrichen bis zum bittern Ende - gar unerträglich noch mit Gesangseinlagen garniert - verwirrend. Für Schüler, die bei dieser Aufführung zahlreich anwesend waren, mag diese scheinbare Konzeptlosigkeit (oder Kopflastigkeit?) noch zu ihrer mit Munterkeit kompensierten Ratlosigkeit beigetragen haben. Die Vater-Tochter-Mutter-Beziehung jedenfalls, die als Liebes- und Lebensdrama tief berührt, verweigerte sich in ihrer Komplexität dem tieferen Verständnis. Ob die immer wieder hervorgehobene Altersproblematik bei Walter Faber wirklich so eine entscheidende Rolle in seinen Gefühlen für die unbeschwerte junge Frau spielt, darf bezweifelt werden. Peter Kurth als Faber jedenfalls verharrt mit äußerlicher Ruhe in seltsamer, steifer Distanz, während das Feuer doch spürbar in ihm lodert. Er übersieht den Altersunterschied, ohne ihn zu problematisieren, denn plötzlich "ist Gefühl alles", der Verstand kann ihn nicht mehr lenken. Reizend, wenn auch überspannt, präsentiert sich Julischka Eichel als quirliges Girlie, ausgeflippt, unkompliziert zugreifend und sich nehmend, was das Leben oder was sie dafür hält, anbietet. Ein Schmetterling, der tanzend und taumelnd mit dem Feuer spielt, was reale Flammen überflüssigerweise symbolisieren sollen. Und der Titel? Wohlgemerkt: Der
unglückselige Ödipus heiratete als Retter der Stadt Theben die
verwitwete Königin, unwissentlich seine Mutter, nachdem vergeblich
versucht worden war, ihn und seien Eltern vor dem vorhergesagten Schicksal zu
bewahren. Das war eine machtpolitische Maßnahme, um den Göttern
und dem Volk Genüge zu tun und das Herrscherhaus zu stabilisieren. Von
Verwöhnung und Abhängigkeit ist erst später in der Psychoanalyse die
Rede.
Seither wird angenommen, dass jeder Junge in seinem Unterbewußtsein
seine Mutter begehrt und sie dem Vater neidet. Dass dagegen junge
Mädchen sich zu älteren Männern/Vätern hingezogen fühlen, gehört
entweder als "Elektra-Komplex" vermeldet und somit einer Vater-Tochter-
Beziehung zugeordnet, die vor allem desolaten
Familienbeziehungen vorkommt. In dieser Inszenierung erscheint Ödipus eher als Synonym für den Regisseur, der sich in Kubas Welt verliebte, und hier - zwar kritisch, jedoch verzeihend - Armut mit Bescheidenheit und Verwahrlosung mit Poesie verwechselte und "Havanna" zur Braut erkor (s. Lektüre im "Gorki Planet"!) Doch der idealisierte Sozialismus als Befreiung von gesellschaftlichen Abhängigkeiten und überflüssigen Bedürfnissen steht der Freiheit des Menschen entgegen, der für seine Entscheidungen auch zugleich verantwortlich ist - das ist ein zu großes Thema, als das es sich in einem Sammelsurium von Regieeinfällen ernsthaft darstellen ließe! A.C.
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