Oscar Wilde - ein Rausch

nach 
Oscar Wilde

 

Voll daneben - doch tief getroffen

 

   

Maxim Gorki Theater

Regie: Bruno Cathomas
Bühne:York Landgraf
Musik: Matthias Trippner
Dramaturgie: Remsi Al Khalisi
Kostüme: Elke von Sivers

mit
Bettina Hoppe - Oscar Wilde
Monika Lennartz- Erzählerin
, Christian Sengewald- Lord Alfred Douglas ( Bosie, Wildes Liebhaber), Rainer Kühne- Marquess of Queensberry - Bosies Vater, Thomas Müller, Niels Bormann - Freunde von Wilde
Julian Mehne: Ankläger

Die aus vielen Gerüstbögen bestehende Bühne nimmt den meisten Zuschauern die Sicht; die oft im Hintergrund sich abspielenden Szenen, die sich zudem sprachlich wirr und lautstark überschneiden, erschweren das Verstehen; die verwirrende, offenkundig konzeptionslose Inszenierung verärgert. Ein echter Flopp!

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  Was hätte wohl Oscar Wilde zu dieser abstrusen Story gesagt, die sich das Maxim Gorki Theater nicht scheut, als neue Inszenierung herauszubringen?

Als Poet hätte er vielleicht zuweilen hingehört, wenn einige Texte von ihm sogar einigermaßen verständlich an sein geneigtes Ohr gelangt wären vielleicht die von Monika Lennartz sehr innig gesprochene Parabel von der hochmütigen, "bedeutenden" Rakete? Bei seiner köstlichsten Komödie, nämlich "Bunbury," die hier zur Unkenntlichkeit als Klamotte verwurstet wird, hätte er als Gentleman wahrscheinlich nur irritiert eine Augenbraue hochgezogen, die Miene dabei von so unendlicher Blasiertheit, dass die Darsteller augenblicklich ihr tösendes Spektakel beendet hätten.

Als Ästhet hätte er sich nur angewidert umgedreht, die blutige Schmiererei, die seine erotisch-psychoanalytisch gemalte Salome als blutrünstige Nymphomanin entstellt, einfach ignorierend; der Schöngeist in ihm wäre eventuell noch über die schnelle Vortragskunst der Protagonistin erstaunt gewesen, waren doch alles seine eigenen Worte, auch, wenn sie leicht sinnentstellt heruntergerappelt wurden. Und der Dandy Dorian Gray, sein liebstes Kind (und vielleicht sein alter ego)? An einige Gerüststangen gebunden, veralbert und grotesk in seiner nackten Dürrheit, kaum ein Vöglein, das, noch unreif, aus dem Nest gestürzt ist - das sollte Dorian Gray sein: der Narziss, dem durch einen Teufelspakt mit dem Maler seines Portraits ewige Jugend und Schönheit winkt - (nur das Bildnis, nicht aber er selbst wird altern)? Der Schöngeist Wilde hätte diese Szene nicht eines Blickes gewürdigt!

Und ganz sicher hätte der Snob im Dichter es nicht zugelassen, dass Dorian Gray einem Tribunal dermaßen stockend und um Worte ringend gegenübergesessen hätte. Seine Gedanken und Formulierungen, sein Redefluss waren elegant wie er selbst, von ungemeiner Präzision, von Spott durchtränkt, von Wahrhaftigkeit geprägt. Dass seine Widersacher dabei vom Stuhl fielen oder sich sonst seltsam verrenkten, hätte ihm wohl gefallen - allein, auch dies Verhalten hätte er sicher als unwürdig für den gesellschaftlichen Rang eines Lords empfunden.

Und das traurige Ende? Als er zutiefst getroffen von den schmutzigen Aussagen zahlreicher Strichjungen sein Hafturteil entgegen nehmen muss? An seinem eben noch herumalbernden Double wäre er vielleicht sogar interessiert gewesen: wie es so dastand, zusammengesunken, der Kopf eingezogen, die Arme und Schultern herabhängend, das schöne Antlitz um Jahrzehnte gealtert, währenddessen die Strichjungen das Äußerste an Unanständigkeit im Stakkato herausschreien.
Da aber spätestens hätte Wilde sich angewidert umgewandt und indigniert den Saal verlassen - nein, solche Figur hat er niemals gemacht, und dermaßen primitiven Sex auch nicht.
Seine Liebe war poetisch, wahrhaftig, tief und über die Anschuldigungen einer ebenso prüden wie lüsternen Gesellschaft erhaben.

Das Maxim Gorki Theater hat ihn posthum noch einmal tief getroffen. A.C.