Platonow

 von
Anton Tschechow

 

 

Verlorene Menschen 

in verlorenem Raum

    

 Schaubühne

Regie: Luk Perceval
Bühne: Annette Kurz
Kostüme: Ursula Renzenbrink
Dramaturgie: Maja Zade; Licht: Mark Van Denesse

 

mit: Thomas Bading, Lea Draeger, Christina Geiße, Berd Grawert, Horst, Hiemer, Yvon Jansen, Erhard Mmarkgraf, Karin Neuhäuser, Michael Rastl, Felix Römer, David Ruland, Kay Bartholomäus Schulze, André Szymanski, Thomas Thiema, Ulrich Voß

Kurz gesagt:

Es ist fraglich, ob Anton Tschechow sich mit dieser derart sinnentleerten, oft auch sprachlich vulgären Inszenierung, die nicht nur wegen ihres Salonmusik klimpernden Klavierspielers zeitweilig sehr an Marthalers Stücke der Volksbühne erinnert, identifiziert hätte. La Paloma heißt das Lied, das immer wieder intoniert wird - und das nun wiederum ist ein Gruß an das Haustier des Berliner Ensembles.

 

Zurück

 

Die Langeweile senkt sich allmählich wie Blei über die leere, bis auf wenige Sitzgruppen und ziellos aneinander vorbeiführenden Eisenbahnschienen, auf die reg- und leblosen Figuren, die auf Stühlen sitzen und Bänken liegen - und zuletzt auch auf die Zuschauer. Es ist langweilig auf dem ruinösen Gut der liebeshungrigen Generalswitwe Anna Petrowna (Karin Neuhäuser als ordinäre Schlampe), es ist langweilig, wie die Menschen in ihrer Trunkenheit und Dummheit, Lethargie und irriger Nostalgie von ihren Lebenslügen eingesponnen sind. Kein Deut von festlichem Amüsement beim alljährlichen Sommertreffen auf dem Lande, keine Veränderung im Provinzalltag der selbstgefällig dahinschwätzenden Personen. Nur hin und wieder flitzen die Frauen, als ob sie vom bayrischen Bären verfolgt werden, über die Schienen und jagen durch den Hinterausgang in einem imaginären Garten, um Luft zu holen.

Keine äußere, keine innere Veränderung zum Vorjahr. Doch -einer hat sich verheiratet, der Stiefsohn der Petrowna, ein gerader, aufrechter, irgendwie noch idealistischer Jüngling, den die hübsche Sofja (Yvon Jansen) mehr aus Trotz genommen hat, weil sie ihre Jugendliebe Platonow nicht bekommen konnte. Doch zu dem später. Es langweilen sich nämlich noch mehr Leute in diesem großen kahlen Raum, der einem Asylheim (aber das ist von Maxim Gorki!) ähnlicher ist als einem Landgut. Da ist noch die überdrehte Gutsbesitzerin Marja (von Lea Draeger als hysterisches, bereits arg degeneriertes kleines Mädchen gezeichnet), die ebenfalls dem Zyniker und Frauenheld Platonov verfällt, und da ist dessen Ehefrau Sascha, groß und kräftig, ein Mädchen vom Lande, das an den Ehemann, an ihr Kind und ihr Familienglück glaubt, mehr blind als sehend (Christina Geiße). Äußerst zynisch auch gebärdet sich der unsympathisch daherwienernde Arzt, der mehr betrunken als nüchtern nur selten in der Lage ist, Kranke zu heilen. Tschechow wird als Medizinstudent wohl auch solche Typen gekannt haben. Zwei jüdische Geldverleiher reihen sich in die schreckliche Partyversammlung und werden das Gut samt Bergwerk am Ende vereinnahmen. Ein stocksteifer alter Herr aus dem ewigen Gestern läßt sich von seinem Sohn abzocken und von den anderen verachten.

Es ist schon eine ziemlich böse Gesellschaftsanalyse, eher ein Wachsbild, mehr absurd als spaßig, das Anton Tschechow bereits mit 18 Jahren entworfen hat. Gekürzt und für die Bühne bearbeitet, wurde seine Schlagkraft erst viel später erkannt. Wie Tschechow selbst an seinen Bruder schrieb, handle es sich bei diesen Typen eben um jene überflüssigen Menschen ,,an denen Rußlands Gegenwart krankt". Und Michail Platonov, der sich selbst verachtende und alle Menschen um hin herum gleichfalls herabwürdigende destruktive Philosoph, kann sich aus der selbst erschaffenen Isolation nicht mehr befreien: Er "lebt und nährt sich aus dieser Verachtung". Es ist ihm gleichgültig, wie tief er sinkt, doch schließlich geht es nicht mehr tiefer, und es ist für alle - die Gesellschaft dort unten auf der Bühne und für die Zuschauer auf den Rängen - eine Erlösung, als die verstoßene Sofia ihm am Ende den Gnadenschuß versetzt.  Wie ein Wurm krümmte er sich auf dem Boden kriechend, betrunken, heruntergekommen an Leib und Geist, und wimmerte seinen letzten Liebesverrat. Der gescheiterte Dorfschullehrer, der anfangs lässig verächtlich die einzelnen Gäste ihrer Würde entkleidet, ihre Schwächen grausam bloßstellt, und der ein Spielball des Mitleids der Frauen ist, gleicht mehr einem betrunkenen Hampelmann als einer tragischen Existenz. Thomas Bading gibt diesen Don Juan von der traurigen Gestalt haarscharf wieder; er ist der lächerliche Mittelpunkt in diesem grotesken Ablauf einer sich auflösenden Gesellschaftsschicht, die vor allem an gegenseitiger Liebe und Achtung krankt. A.C.