tryin' Othello

von
William Shakespeare

  

 Ein Engel, ein Kriegsheld 

und ein Schurke

 

   

Deutsches Theater Kammerspiele

  Regie: Jürgen Kruse; Bühne: Bernd Damovski; Kostüme: Caritas de Wit

Mit: Annika Kuhl - Desdemona; Wolfram Koch - Othello; Bernd Stempel: Jago und Wiebke Frost, Silvia Rieger, Peter Beck, Ian T. Dickinson, Stefan Kaminski, Stephan Korves, Martin Molitor, Michael Prelle, Lothar Schadow, Andreas Stadler

 

 

Kurzbeschreibung:

 Eine Schauspieltruppe probt im Halbdunkel einer alten Rumpelkammer, in der sich allerhand seltsame Dinge befinden, das wohl erregendste Drama William Shakespeares: "Othello, der Mohr von Venedig". Vor der sich drehenden Bühne mit ihren unheimlichen Requisiten, die mit starker Symbolik an die wissenschaftlichen Schatzkammern der Renaissance-Zeit erinnern, outet sich zuerst Jago. Er hat seine düsteren Pläne bereits gedanklich bereits präzise geordnet und die einzelnen Schritte seines teuflischen Plans haargenau kalkuliert. Das Durcheinander in dem (nur von Kerzen und Scheinwerferkegeln beleuchteten) kabinettartigem Raum, die geflügelten Tierwesen, die Insignien von Macht und Wissenschaft, vor allem aber die dröhnende Popmusik aus dem Off verkünden Chaos, Untergang, wenig Gutes. Aber dafür Spannung und Werktreue soweit   wie nötig. Die Zeitlosigkeit dieses Dramas liegt   in seiner Darstellung menschlicher Niedrigkeit und Erniedrigung und, daraus sich ergebend: in der Erfahrung individueller Minderwertigkeit. Es ist somit ein psychologisches Meisterwerk um der Seele dunkle Triebe und der Urkraft großer Leidenschaften.

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 Das Werk ist wohl meistenteils bekannt - Othello, der fremdartige, mächtige Heerführer und General der Venezianer, hat Desdemona, die liebreizende, sanfte Tochter des Senators Brabantio, für sich gewonnen und im Geheimen geheiratet. Die Ehe wird nachträglich vom wütenden Vater und dem weisen Dogen gebilligt. Doch Othello wird mit seinen Leuten gen Zypern geschickt, wo die feindlichen Türken die Insel bedrohen. Desdemona erbittet sich, mit dem Gatten ziehen zu dürfen, desgleichen ihre Kammerzofe Emilia (Silvia Rieger, verhuscht und verstört), die Frau des Fähnrichs Jago, der Othello neid- und hasserfüllt nach Rang und Ehre trachtet. Jagos Vernichtungsstrategie setzt auf die unbarmherzige Ausnutzung menschlicher Schwächen. So benutzt er den reichen jungen Venezianer Rodrigo (Peter Beck), der Desdemona blind liebt und den gutmütigen Leutnant Cassio (Stefan Kaminski), der bei dem General durch Jagos Intrige in Ungnade gefallen ist, um Othello zu vernichten

Nachdem die türkische Flotte im Meer versenkt ist und die Venezianer den Sieg trinkend und tobend am Gestade der Insel feiern, flößt Jago dem heißblütigen Othello das Gift der Eifersucht in kleinen Schüben ein, indem er Verdachtssplitter der Untreue Desdemonas ausstreut. Cassio, so spinnt er sein engmaschiges Netz, sei Desdemonas heimlicher Geliebter. Und nur er, Jago, könne die gut verborgenen Winkelzüge eines Landsmanns und einer Venezianerin verstehen und offenbaren - während Othello, ein Fremdländischer, ein Schwarzer, mit seiner milden Güte und Gutgläubigkeit, dazu nicht imstande sei...

Nun ist man angesichts der bekannten story stets einigermaßen gespannt, wenn das Titel auf dem Spielplan eines Theater steht, was denn der Regisseur und seine Schauspieler aus der Vorlage machen. Die bange Frage gilt zuerst der Sorge um den Erhalt der genialen literarischen Schöpfung - was aus dem Wohlklang des Reims und seiner Melodramatik, den metaphernreichen, phantastischen Gedankenabfolgen, dem unendlich großen Schatz der wortgeformten Bildersprache geworden ist. Und was ist mit außerdem mit der Dramatik? Wird die Aufführung die Spannung halten, obwohl man doch den Ablauf genauestens kennt; wird sie das Fundamentale menschlicher Existenz ohne Anstrengung ans Licht bringen, wird sie Leidenschaft und blinde Wut enthüllen und Liebesszenen ohne Peinlichkeiten über die Runden bringen?

Glücklicherweise verrät das Bühnenbild bereits spielerische Phantasie und eine gute Orientierung an den Zeiten, als Venedig die Vormachtsstellung auf dem Seeweg besaß, reiche Kolonien verwaltete, der Kunst große Entfaltung bot, und eine kluge Politik betrieb. In solch einer weltläufigen Atmosphäre, so wird sich Shakespeare vielleicht gedacht haben, könnte es durchaus möglich gewesen sein, dass ein schwarzhäutiger, kluger und tapferer Heerführer sich seinen Weg bahnen und zu Einfluss und Macht gelangen konnte.

Aber der Dichter war ebenso klug und lebenserfahren wie geistreich und phantasievoll. Dass ein Fremder ein Fremder bleibt, auch wenn er sich noch so große Verdienste um die Republik erworben hat, war und ist unumstößlich. Dass ein Vater seine Tochter nur ungern an einen Mann verliert, der ihm von Aussehen und Herkunft eigentlich nicht ganz geheuer ist, ist über alle Zeiten hinweg so geblieben. Dass aber eine Liebe so groß ist, dass sie all diese Unterschiede negiert und höchste Hürden überwindet, ist ein wunderbarer Ausflug ins Reich der Liebe. Dass ein neidischer Untergebener mit kühlem Verstand und steinhartem Herz gerade solch eine Liebe zerbrechen kann, und wie er es tut, gewinnt neben all der tiefen Einsicht in die Unsicherheiten menschlichen Fühlens und Handelns vor allem tiefenpsychologische Dimensionen.

Da ist der Mohr, der Schwarze, der erfolgreiche und geliebte Anführer der Truppen. Allseits geachtet und geschätzt in dieser Funktion. Aber - was für Gedanken und Gefühle schlummern in seiner Seele? Wird er, der um sein Außenseitertum wohl weiß, der seine Andersartigkeit im Krieg zwar irgnorieren kann, diese aber um so mehr im persönlichen, im emotionalen Umgang mit den Menschen fühlt, auch hier souverän bleiben? Natürlich nicht. Shakespeare wird nicht das Unmögliche von seinem Helden verlangen. Aber, in dem er uns die Begrenztheit ihres  Selbstwertgefühls vor Augen führt, macht er ihn zum gleichwertigen, wahrhaftigen Mitmenschen. Dieser Mann ist sich Desdemonas treuer Ergebenheit so unsicher, weil er sich seines eigenen Wertes nicht sicher ist. Das Staubkorn eines Verdachts nur genügt, um seine Leidenschaft in Eifersucht und seine Liebe in Zweifel zu verwandeln. Jago ist ein Zyniker. Dieser eisige Intellektuelle ( Bernd Stempel mit seiner leidenschaftslosen Stimme, der kühlen, randlosen Brille, dem wirren Haarschopf und mit den unkoordinierten Bewegungen seiner schlaksigen Gelenke, ist eine persönlichkeitsstarke Besetzung!) spricht eher beiläufig, beinahe belanglos, irgendwie plaudernd, wie ein Mensch, der nur mal eben so seine noch ganz ungeordneten Gedanken mitteilen möchte, um dann, als er merkt, das der Mann, auf dessen Vernichtung er es abgesehen hat, bereits in Flammen steht, mit teuflischem Kalkül nach und nach Benzin ins Feuer zu schütten. Tröpfchenweise nur, aber es reicht. Und draußen, wo alle anderen diesem Wolf im Schafspelz nichtsahnend in die Hände arbeiten, tickt die Zeitbombe. Nichts, aber auch gar nichts können die kindlich-zarte Desdemona (Annika Kuhl) und der jäh in Ungnade gefallene Cassio merken; nichts ahnt die Frau Jagos, der sie geschickt benutzt, um Othello den letzten Stich zu versetzen, nichts merkt der Kaufmann Rodrigo, der seine Naivität mit dem Leben bezahlt. Nur die Gesandten aus Venedig, die Othello zurückbeordern sollen, sehen mit Erstaunen, wie brutal der General seine junge Frau misshandelt.

Wolfram Koch ist ein Othello, der die große Tragik der Eifersucht durchleidet wie ein Wahnsinniger, der gegen die alles vernichtende Urkraft des Betrogenen, des Verratenen, des grausam Misshandelten absolut machtlos ist, ausgesetzt seinen unreflektierten Gefühlen: ein Mann, der dem Soldaten an der Seite mehr glaubt und vertraut als der eigenen Frau.

Womit auch über den Wert der Frau zu jener Zeit eigentlich alles gesagt ist. Das Übrige zeigt Wiebke Frost als Marketenderin, als ausgenutztes Soldatenliebchen, von den Männern verachtet, getreten und fortgestoßen, was sie beängstigend in ihren fahrigen Gesten und einem schrecklichen Zucken und Winden ihres Körpers deutlich macht.

  Dass diese Inszenierung dennoch an einigen Mängeln krankt, mag an der Vielfalt der dekorativen Zutaten liegen, an mancherlei Belanglosigkeiten, an spielerischen Längen, die der Spannung eher abträglich sind, an lässigen Einschüben der (dann und wann aus dem Spiel heraustretenden) Theatertruppe und an dem nicht ganz deutlich gewordenen Persönlichkeitskonflikt Othellos. Wie aber - so bangt man in vorgerückter Stunde, wird nun Regisseur Kruse das tragische Ende dieses Dramas gestalten? Wird es uns ergreifen können; ohne überflüssiges Pathos? Den Schauspielern sei es gedankt: Sie lassen uns das Atemholen vergessen. Mit tiefstem, echtem Mitgefühl erleben wir eine in vollkommener Liebe zu diesem Mann in den Tod gehende Desdemona und einen vom blinden Eifersuchtswahn und Leid zerstörten Othello. Man sollte sich diese Aufführung ansehen - sie ist in weiten Teilen faszinierend. A.C.